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Hans Magnus Enzensberger

Über die Ignoranz

Natürlich weiß sie Bescheid, die Zweiunddreißigjährige, die da mit dem zuständigen Redakteur in der Funkhaus-Kantine sitzt. Sie weiß, was läuft. Sie war doch erst kürzlich auf diesem Kongreß in Mailand, und das große Symposium in Berlin hat sie auch nicht versäumt. Sie hat eine ganze Reihe von Vorschlägen mitgebracht. Wie wäre es mit einer Kritik der neo-neoklassizistischen Strömungen in der Architektur, sagen wir mal: fünfundvierzig Minuten? Außerdem interessiert sie sich brennend für die aktuellen Kontroversen unter den Pariser Post-Post-Strukturalisten. Sie habe da von wilden Auseinandersetzungen gehört. Das müßte man freilich an Ort und Stelle recherchieren.

Nun, das Dritte Programm muß sich auch um solche Themen kümmern. Der Redakteur ist ja ein gutwilliger Mann. Es liegt ihm fern, die Besucherin einem tückischen Test zu unterwerfen. Also ist es reiner Zufall, daß er den Namen Vitruv erwähnt; und als sich, rein zufällig, herausstellt, daß die Autorin diesen Vitruv für einen sowjetischen Architekten hält, wechselt der Redakteur, ein stiller, höflicher Mann, rasch das Thema. Die Besucherin kommt jetzt mit um so größerem Eifer auf ihre Pariser Pläne zu sprechen. Sie hat schon die vierte Zigarette ausgedrückt, und der Redakteur, der am Nachmittag noch ins Studio muß, hört ihr etwas geistesabwesend zu. Erst beim drittenmal versteht er, wer mit dem verstorbenen Herrn Lackahn gemeint ist, dessen verwaiste Schüler nun offenbar wie die Skorpione übereinander herfallen. Nun ja, Lackahn oder Lacan, das ist schließlich bloß eine Frage der Aussprache. Nur — kann die Berichterstatterin eigentlich Französisch? Dochdoch. Das heißt, ein bißchen. Sie wird sich schon durchschlagen, mit Hilfe ihrer Pariser Bekannten. Dem Redakteur sinkt das Herz, er bedauert, er entschuldigt sich, er zahlt und flieht.

Solche Geschichten braucht sich niemand auszudenken. Sie tauchen an allen Ecken und Enden auf. Jeder, dem sie zu Ohren kommen, wird verständnisinnig nicken und sich unverzüglich daran machen, seinen eigenen Erfahrungsschatz hervorzukramen, in dem sich noch viel haarsträubendere Beispiele finden. Ich fasse mich kurz und rekapituliere nur ein paar typische Fälle aus diesem unerschöpflichen Repertoire. Da ist der junge, keineswegs unbegabte Germanist, der seinem Prüfer ins Gesicht sagt, er habe sich mit drei deutschen Autoren beschäftigt: mit Büchner, Heine und Döblin. Die allerdings habe er von vorn bis hinten gelesen und über jeden von ihnen eine Seminararbeit geschrieben. Sozusagen aus Gründlichkeit sei er nicht dazu gekommen, die übrige Literatur zur Kenntnis zu nehmen; von Fragen nach Grimmelshausen, Lessing, Goethe und so weiter bitte er daher Abstand zu nehmen.

Dann der Referendar am Kammergericht, der immer diese Schwierigkeiten mit den Fremdwörtern hat. Er verwechselt »Diffamierung« mit »Diskriminierung« und »Diagramm« mit »Piktogramm«, und aus irgendeinem Grund sagt er jedesmal »Revelanz«, wenn er »Relevanz« meint. Er kann gar nicht begreifen, warum das den Vorsitzenden Richter derartig irritiert. »Ich kann schließlich«, meint er, »nicht andauernd mit dem Duden unter dem Arm herumlaufen.« Daran ist etwas Wahres.

Ferner müssen wir hier des Deutschlehrers gedenken, der an seinen Schülern verzweifelt, weil sie, wie er sagt, nicht mehr in der Lage sind, ein Buch zu Ende zu lesen. Es handelt sich immerhin um das beste Gymnasium in der Stadt. Hier hat Melanchthon gelehrt, der große Melanchthon! »Warum geben Sie uns nicht einfach die Stellen an, auf die es Ihnen ankommt? Die fotokopieren wir dann, und die Sache hat sich.« — »Und wenn ich ihnen sage, daß Die Wahlverwandtschaften nicht aus irgendwelchen Stellen bestehen, wissen Sie, was ich dann zu hören kriege? "Frust" schallt es mir entgegen, "Konzentrationsschwierigkeiten, Leistungsdruck. Ich habe es satt!" Ganz zu schweigen von der Bewerberin, die sich in einer Galerie vorstellt, auf ein abgeschlossenes Kunstgeschichte-Studium verweisen kann, aber fest davon überzeugt ist, daß Leonardo und Goya »ungefähr zur gleichen Zeit« gelebt haben, und die sich verblüfft darüber zeigt, daß der Galerist wegen lächerlicher dreihundert Jahre Unterschied »einen solchen Terror macht»; von dem äußerst erfolgreichen, sechsunddreißigjährigen jungen Autor, Jungdramatiker und Jungfilmer, den die Kritiker für ein Genie halten, weil ihm die deutsche Syntax vollkommen fremd ist, und weil er überhaupt mit den Füßen schreibt; von dem kaufmännischen Lehrling, der sich außerstande sieht, eine Dreisatzaufgabe zu lösen, und der eine vorgedruckte Tabelle oder einen Taschenrechner braucht, um die Mehrwertsteuer » auszuwerfen « ; und von einer Million ähnlicher Problemfälle, aus denen Sachbearbeiter und Personalchefs inzwischen einen bunten, aber monoton gemusterten Sagenteppich gewoben haben, eine kulturelle Landkarte der Bundesrepublik im Maßstab eins zu eins, auf der in immer neuen Abwandlungen immer dasselbe zu sehen ist: Unfähigkeit, Analphabetentum und Ignoranz.

Und wo erhebt diese ungeheuerliche Unwissenheit ihr Haupt? Sie haben es erraten! In einem Staat, der sich das weitläufigste, großzügigste, teuerste Bildungssystem der Welt leistet!
Kein hochtrainiertes Ohr ist nötig, um zu begreifen, daß es ein sehr konservativer Gram ist, der sich in solchen Klagen äußert. Mögen sie begründet sein oder nicht, unverkennbar ist der Vorgesetzten-Ton, in dem sie vorgetragen werden. Es spricht aus ihnen der Chef, der von seinen Mitarbeitern enttäuscht ist, der Meister, dem es der Lehrling nicht recht machen kann, der Generalstabschef, der sich fragt, wie er mit solchem Menschenmaterial siegen soll. Diese Rhetorik ist so alt wie die Welt. Daß das alles früher ganz anders, und zwar besser war, gilt ihr als ausgemacht, und diese Oberzeugung verdichtet sich mit zunehmendem Lebensalter. Kulturelle Mangelerscheinungen können aus einer solchen Perspektive nur als Generationsproblem gedeutet werden. Ignoranz und Unfähigkeit gelten von vornherein als Domäne der Jugend. Kein Gegenbeispiel vermag diese Gewißheit zu erschüttern. Da mögen sich ganze Hundertschaften von senilen Herren in Juntas, Aufsichtsräten, Zentralkomitees und Krisenstäben versammeln und aus schierem, unbelehrbarem, von keiner Kenntnis getrübtem Schwachsinn Pleiten, Katastrophen und Massaker anrichten — die Schlußfolgerung wird in solchen Fällen immer lauten: Irren ist menschlich. »Man lebt zwischen les hauts et les bas,/ erst Oberpräsident, dann kleiner Balkanposten, schließlich Chef,/dann ein neues Revirement,/ und man geht auf seine Güter.«

Pascal hat mit sechzehn seine bahnbrechende Arbeit über die Kegelschnitte publiziert; Hugo Grotius promovierte mit fünfzehn; mit zwölf Jahren bezog Melanchthon, der große Melanchthon, die Universität Heidelberg. Und heute? Heute fährt der vierunddreißigjährige Diplom-Volkswirt Bruno G. erst mal noch ein paar Jahre Taxi — er braucht Zeit, um sich darüber klarzuwerden, was er eigentlich machen soll. Seine Freundin Helga denkt an ein Zweitstudium, und Zizi, die eigentlich Friseuse gelernt hat, will einfach nicht mehr und lebt erst mal von der Stütze.

Ach, sagen die Arbeitsmarkt-Experten, das waren noch Zeiten, als man sich nach der Maxime richten konnte: Trau keinem unter zwanzig! Seitdem hat sich, in einem säkularen Prozeß, die Adoleszenzphase immer mehr verlängert. Schon in den sechziger Jahren lag die Grenze bei dreißig, und heute müßte man, jedenfalls was die Akademiker angeht, und wer ist heute kein Akademiker? — heute müßte man sagen: Trau keinem unter sechsunddreißigeinhalb.

Ich dagegen versuche mir den jungen Melanchthon vorzustellen. Das ist gar nicht so einfach. Geboren ist er in Bretten, einem Nest im Kraichgau, damals Kurpfalz, heute Baden. Ein paar alte Fachwerkhäuser sind noch übrig, das meiste haben in irgendeinem Krieg die Franzosen verbrannt. Der Vater hieß Schwarzerd und war Waffenschmied, kein schlechter Beruf. Ich frage mich, was hat der Siebenjährige gelernt? Lesen und Schreiben, Latein und Religion, später auch Griechisch und eine Menge Theologie. Viele Passagen aus den Klassikern und aus der Bibel konnte er auswendig. Der Kanon war genau umrissen und leicht überschaubar, ein paar Dutzend Autoren, Dichter, Philosophen und Kirchenväter, dazu ein wenig Fachliteratur, der Rest war eigentlich Schamott, die üblichen giftigen Schmierereien über die Mitwirkung des freien Willens bei der Besserung und über die Gegenwart Christi im Abendmahl. Eigentlich ein reicher Geist in einer objektiv engen Welt. Der Gesichtskreis beschränkte sich auf Mitteleuropa und Rom, Nachrichten gab es nur vom Hörensagen. Um den Alltag brauchte sich Melanchthon nicht zu kümmern, das war Sache der Frauen und der Dienstboten. Ablenkungen gab es kaum, nur Plagen, Intrigen, Krankheiten. Jeden Morgen begab sich Schwarzerd an sein Pult. Was er aufschlug, waren immer dieselben Bücher.

Wenn wir nun unsern Blick auf Zizi richten, Zizi, die eigentlich Friseuse gelernt hat, aber weil sie sich mit dem Besitzer des Modern Coiffeur Haarstudios gestritten hat, kriegt sie erst einmal ein halbes Jahr lang ihr Geld vom Arbeitsamt — : Zizi hat jede Menge Zeit, aber sie weiß trotzdem nicht, wo ihr der Kopf steht. Eigentlich müßte sie jetzt ihren Anwalt anrufen, denn da ist noch die Sache mit dem Trinkgeldanteil, den ihr Edi nicht ausbezahlen will. Aber das kann er mit Zizi nicht machen; denn mit dem Arbeitsrecht kennt sie sich aus, da ist sie Expertin. Und dann sollte sie sich auch noch um ihren Lohnsteuerausgleich kümmern. Nur, dazu kann sie sich heute nicht aufraffen. Erst muß sie jedenfalls ihre Zeitschriften durchblättern. Das gewöhnt man sich in einem Friseurladen an. Woche für Woche bringt der Lesezirkel einen ganzen Packen von Illustrierten vorbei, und in den umsatzschwachen Zeiten liest man schon einiges zusammen. So kommt es, daß Zizi über geradezu enzyklopädische Kenntnisse auf verschiedenen Gebieten verfügt. Schauspieler, die sie in Tatort gesehen hat, erkennt sie auf der Straße wieder; sie kann ihre wichtigsten Rollen angeben und weiß mehr, als man für möglich halten sollte, über ihre privaten Verhältnisse, ihre gesundheitlichen Probleme und ihre Freizeitbeschäftigungen. Eine noch größere Kennerschaft legt Zizi an den Tag, wenn es um den Film geht. Hier ist sie sogar über die jeweiligen Wohnsitze, Liebesgeschichten und Gagen informiert. Wenn es allerdings um Fußball geht, ist Zizi überfragt. Da muß man sich schon an Bruno halten. Bruno weiß alle deutschen Meister seit 1936 auswendig; er weiß, wie der Rechtsaußen vom VfB Stuttgart heißt; wenn ein Trainer entlassen wird, kann Bruno den Grund angeben, und in der Arithmetik der Torverhältnisse ist er unschlagbar. Auch beim Weltspiegel und beim Bericht aus Bonn, wo Zizi einfach abschaltet, hält Bruno durch. Er macht sich seine eigenen Gedanken über die Sparbeschlüsse, über Nicaragua, über die Apartheid und über die Nachrüstung, und wehe, wenn ihm einer mit falschen Zahlen kommt. Bruno läßt sich da nichts vormachen, er kennt den Unterschied zwischen Pershing I und Pershing II, und er weiß auch, wie viele SS-2o die Russen stationiert haben.

Wenn die drei zusammen verreisen, checkt Bruno erst einmal drei Tage lang seinen alten Mercedes Diesel durch. Den hat er seinerzeit sehr günstig gekauft. Bruno kennt den Automarkt. Auf die Tricks der Gebrauchtwagenhändler fällt er nicht herein: Früher hat er einen Fiat gefahren, aber er sagt, nie wieder! Immer hat er die Zündung neu einstellen müssen, und die Verarbeitung war auch recht mies. Helga ist für die Kasse zuständig. Meistens kaufen sie für die ganze Reise im voraus ein, Helga weiß, wo es am günstigsten ist, sie hat sämtliche Preise im Kopf und achtet auch auf die Abfüllung; mit Mogelpackungen kann man ihr nicht kommen. Die Restaurants und die Hotels übernimmt Zizi. Sie sieht ja schon von weitem, wo die Zimmer gut sind, und damals, als sie nach Kreta fuhren, alles war so teuer und überall wurde man geneppt, da hat sie, Zizi, das tolle Lokal gefunden, wo man fast umsonst essen konnte und wo es so wahnsinnig nett war. Abgesehen davon, von Frisuren versteht Zizi eine ganze Menge. Ganz egal, ob Sie einen Rundschnitt, einen Fächerschnitt, einen Stufen-, Zickzack- oder Bananenschnitt wünschen, bei Zizi sind Sie immer gut aufgehoben. Sie fängt bei den Tampel- und bei den Nackenhaaren an, dann nimmt sie die Stirn- und die Ponyhaare dran, immer sauber effiliert, ein Passe nach dem andern, und zum Schluß das Kontur- und das Deckhaar. Wenn Sie dann noch eine Tönung wollen, eine Biokur oder eine Friktion ... Mit einem Wort, Zizi ist Spitze.

Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wer ignoranter ist, Philipp Schwarzerd, genannt Melanchthon, oder Zizi. Natürlich bilde ich mir nicht ein, daß sich eine solche Frage exakt und schlagend beantworten läßt. Die methodischen Schwierigkeiten liegen auf der Hand. Was die empirische Seite der Angelegenheit betrifft, so müssen wir uns damit abfinden, daß nur eine der beiden Versuchspersonen, nämlich Zizi, für Testzwecke zur Verfügung steht, obwohl ich mir auch bei ihr nicht sicher bin, ob sie bereit wäre, sich von einem x-beliebigen Psychologen in die Mangel nehmen zu lassen und einen Haufen idiotischer Fragebogen auszufüllen. Trotzdem möchte ich zunächst einmal auf den quantitativen Aspekt der Frage eingehen. Die Speicherkapazität des menschlichen Gehirns ist sicherlich nicht unbegrenzt. Ein Limit läßt sich jedoch in der Praxis aus mehreren Gründen nicht angeben. Zum einen sorgt das unbewußte Regulativ des Vergessens dafür, daß es nie zu einer hundertprozentigen Auslastung kommen kann; zum anderen hängt die Aufnahmefähigkeit vom sozialen und kulturellen Milieu ab; sie muß fortwährend angeregt und trainiert werden, wenn sie nicht verkümmern soll. Ich möchte die Vermutung riskieren und plausibel machen, daß Zizis Lexikon mindestens so umfangreich ist wie das eines Gelehrten aus dem Humanismus, obwohl man das nicht ohne weiteres vermuten würde, wenn man zuhört, wie sich Zizi mit Helga unterhält, während sie ihr aus Gefälligkeit eine Dauerwelle legt. Sie kommt dabei mit ungefähr tausend Vokabeln aus. Melanchthons Schriften lassen auf einen weit größeren aktiven Wortschatz schließen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß sich Schwarzerd schriftlich und mündlich in drei Sprachen ausdrücken konnte, während Zizi nur über rudimentäre Englischkenntnisse und über ein paar aufgeschnappte griechische Redensarten verfügt. Aber dafür kann sie sich Tausende und Abertausende von Markenartikeln merken, und sie kennt sogar die jeweiligen Reklameslogans so gut, daß sie vor dem Hauptfilm, als nähme sie an einem Rätselwettbewerb teil, die richtigen Firmennamen in den dunklen Saal ruft, noch ehe sie auf der Leinwand erscheinen. Zahllose Namen von Rockgruppen liegen ihr auf der Zunge. Sogar englische Hits kann sie auswendig, eine Gedächtnisleistung, die der Bibelfestigkeit Melanchthons in nichts nachsteht. Auch komplexe Begriffsbildungen stehen ihr zur Verfügung. Sie weiß zwar nicht, was Transsubstantiation bedeutet, aber das nicht weniger abstrakte Lemma Mehrwertsteuer-Rückvergütung ist ihr geläufig. Allein die Film-und Fernseh-Zeitschriften, die sie liest, versorgen sie mit Informationen in der Größenordnung von mehreren Megabits, die sie gewissenhaft memoriert — ein Speicherinhalt, der einer gründlichen Kenntnis der Kirchenväter quantitativ nahekommen dürfte. Gewisse Schwächen hingegen zeigen sich in Zizis Syntax. Im Vergleich zu Melanchthon fällt ihre Neigung zu parataktischen Konstruktionen auf. Nebensätze sind ihr einfach zu umständlich, und wenn sie bei ihrer Lektüre, was selten vorkommt, auf eine Periode stößt, reagiert sie verärgert. Das bedeutet aber nicht, daß ihr komplexe logische Strukturen unzugänglich wären; wenn sie sich zum Beispiel mit Helga streitet, erweist sie sich oft als ausgekochte Sophistin. Damit möchte ich ihre Schwächen nicht beschönigen; sicherlich hat sie mit Formalisierungsproblemen zu kämpfen.

Ich komme deshalb in diesem Zusammenhang lieber noch einmal auf Bruno zu sprechen, dessen Kasuistik mit den Standards des sechzehnten Jahrhunderts durchaus konkurrieren kann. Wenn Bruno den beiden Mädchen das Regelsystem einer Fußballweltmeisterschaft erklärt, reitet er am liebsten auf Streit-, Grenz-und Zweifelsfällen herum. Da die Zuhörerinnen nicht genügend Sachverstand entwickeln, muß er sogar beide Seiten der Kontroverse vortragen. Er tut es mit einem Scharfsinn und einer logischen Akribie, die an eine theologische Disputation erinnern. Eine ähnliche Meisterschaft legt er an den Tag, wenn es um die Straßenverkehrsordnung geht. Vor seinen Beiträgen zur Interpretation des eingeschränkten Halteverbots hat schon manche Bußgeldstelle die Waffen gestreckt.

Und dennoch kommen wir um den Stoßseufzer: Armer Bruno! Arme Zizi! nicht herum. Das hat nicht mit dem Umfang, sondern mit der Organisation ihrer Kenntnisse zu tun. Während sich Melanchthon beim Aufbau seines Wissens auf einen stabilen Kanon verlassen konnte, während ihm von vornherein klar war, was überhaupt wissenswert war und was nicht, so daß er es im Lauf eines dreiundsechzigjährigen Lernprozesses zu einem haltbaren, wohlgeordneten Weltbild bringen konnte, verfügen Zizi, Helga und Bruno, trotz nimmermüder Aneignung, nur über ein buntscheckiges Quodlibet, um nicht zu sagen über einen Müllhaufen, der noch dazu einer ständigen Umschichtung unterliegt. Die Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie sich erwerben, veralten entsetzlich schnell. Vor ein paar Jahren hat sich Helga ein Skateboard angeschafft, und in zwei, drei Wochen brachte sie es zu einer beachtlichen Virtuosität im Umgang mit diesem schwierigen Transportmittel. Heute kann sie sich mit so etwas natürlich nicht mehr blicken lassen. Selbst die Roller-Skates, die zwei Jahre später auftauchten, verstauben längst in ihrem Keller, und sie muß nunmehr wohl oder übel auf eine Surfausrüstung sparen. Es geht hier nicht so sehr um die 3500 Mark, die aus diesem Anlaß fällig werden, sondern um den raschen Verschleiß ihrer Kenntnisse. Helga, Zizi und Bruno wissen auch ganz genau, daß ihre Berufsausbildung praktisch über Nacht schrottreif werden kann. Sie haben sich infolgedessen angewöhnt, immer nur ad hoc zu lernen. Sie organisieren ihr Wissen und ihre Fertigkeiten nach dem Rolltreppenprinzip, und damit stehen sie natürlich keineswegs allein da.

Wer den Unterhaltungen deutscher Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Kultur lauscht, wird zum Beispiel bald feststellen, daß sie nach Thematik, Informationsstand und Wortwahl einem eigentümlichen Sieben-Tage-Zyklus unterworfen sind. Das Material wird am Montagmorgen durch den neuen Spiegel herbeigebaggert und im Lauf der Woche nach und nach abgetragen, bis es auf Nimmerwiedersehen im Papierkorb landet, woraufhin der Lernprozeß, falls dieser Ausdruck überhaupt noch anwendbar ist, von neuem beginnen kann. Daß bei einer solchen Organisation des Materials das Kurzzeitgedächtnis eine besondere Rolle spielt, ist leicht einzusehen. Von der Vergangenheit hat Zizi, im Gegensatz zu Melanchthon, nur eine vage Vorstellung. Zwar ahnt sie, daß es früher auch ein Leben gegeben haben muß; dieser Verdacht wird im übrigen durch Filme wie Excalibur und Eaton Place genährt. Doch auch zu Hause umgeben sich Bruno, Zizi und vor allem Helga mit Resten aus der Tradition. In der Küche hängt ein rot besticktes Handtuch mit der Inschrift: »Eigener Herd ist Goldes wert«, das Helga auf dem Trödel gefunden hat, und im Wohnzimmer steht ein echtes Grundig-Radio aus dem Jahr 1952.. Die Geschichte dient unserm Trio also als eine Art Kuscheltier. Nun, abgesehen von den letzten paar hundert Jahren ist es wohl mit dem historischen Bewußtsein nie weit her gewesen; die Vergangenheit war stets eine Angelegenheit der Priester und der Gelehrten, für alle anderen existierte sie nur in der Form von Märchen, Sagen und Legenden.

Wenn ich noch einmal auf Melanchthon zurückkommen darf — nur ein einziges Mal, dann wollen wir sein Andenken ehren, indem wir ihn in Ruhe lassen — Ich frage mich, wie sind seine Kenntnisse zustande gekommen? Die Antwort lautet: durch heißes Bemühn. Wissen war zu seiner Zeit eine äußerst knappe Ressource, jede Art von Studium das Privileg einer winzigen Minderheit, der Zugang zu den Informationsquellen schwierig und teuer. Das galt nicht nur für die Schriftgelehrten. Jede qualifizierte Berufsausbildung kostete Lehrgeld und war nur um den Preis jahrelanger unbezahlter Arbeit zu erlangen. Dagegen sieht sich unsere Friseuse einem lebenslänglichen Trommelfeuer von Informationen ausgesetzt. Schon im zartesten Vorschulalter machten sich die Pädagogen an ihr zu schaffen. Aber was ist ein Curriculum, verglichen mit dem Werbefernsehen! Was ist die Mittlere Reife, verglichen mit dem täglichen Horoskop, der täglichen Gesundheitsberatung, dem täglichen Verbrauchertip! Ich bin sicher, eine einzige Ausgabe der Bild-Zeitung hätte genügt, um Johann Gottfried Herders Denkvermögen wochenlang mattzusetzen. Und trotzdem schafft es Zizi irgendwie, nicht verrückt zu werden. Sie schafft es, indem sie sich, bildlich gesprochen, die Ohren zuhält. Wer ihr das übelnimmt, der begreift nicht, daß es sich um ein Gebot der Selbsterhaltung handelt. Wenn sie auch noch die Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen und die Beschlüsse des SPD-Parteitags zur Kenntnis nehmen müßte, würde sie überschnappen. Ohnedies lebt Zizi schon gefährlich nahe an den Grenzen ihrer Kapazität. Jedem, der es hören will, erklärt sie, daß »es ihr allmählich reicht«. Denn es geht ja nicht nur darum, daß sie vom Schlager-Laden um acht Uhr dreißig an (Stereo, Bayern i) bis zur neuesten Folge von Dallas (ARD, 21.45 bis 22.30 Uhr) ununterbrochen schluckt und schluckt und schluckt.

Zizi ist doch kein Meerschweinchen! Das glauben nur die Anhänger der Manipulationstheorien, die sich einbilden, sie hinge einfach passiv am Tropf. Zizi ist schließlich nicht aufs Hirn gefallen. Eigentlich glaubt sie kein Wort. Über die Tricks der Reklamefritzen und die Reden der Politiker kann Zizi nur lachen. Und was Dallas betrifft, sagt sie: »So ein Scheiß.« Zu der Mühe, bedrohliche Mengen von Informationen aufzunehmen und zu speichern, kommt also noch die weit größere Anstrengung, sich ihre eigenen Kenntnisse vom Leib zu halten, sich gegen sie zu immunisieren. Das sind Leistungen, von denen sich ein Melanchthon ... Schon gut, schon gut, er ruhe in Frieden.

Eine letzte Frage. Wie ist es mit der Relevanz? Einmal zugegeben, daß Zizi und Bruno, also wir alle, über geradezu maßlose Kenntnisse verfügen: was haben wir davon? Ich fürchte, diese Erkundigung läßt sich nur mit einer Gegenfrage beantworten. Was hätten (oder haben) wir davon, wenn wir wüßten (oder wissen), was die römische Redekunst dem Cicero verdankt, wann man eine Visitenkarte umknickt, bei welcher Temperatur das Glyzerin siedet und wie die sieben Stauferkönige hießen? Ich habe Grund zu der Vermutung, daß Zizis Kenntnisse, gemessen an ihrer Situation, durchaus funktionell sind. Jedenfalls »kommt sie mit ihnen durch«. An ihr liegt es nicht, daß sie ihr Augenmerk eher auf den Mieterschutz richten muß als auf den vollkommenen Ablaß aller zeitlichen und ewigen Sündenstrafen, und daß der Vergleich zwischen Karstadt und Tengelmann ihr mehr sagt als der zwischen Goethe und Schiller. Wer hier den ersten Stein werfen wollte, der liefe Gefahr, sich selber zu treffen. Damit möchte ich durchaus nicht der eingangs aufgeführten Schar von Ignoranten das Wort reden. Der Germanist, der keine Bücher liest, sollte wirklich lieber Kellner werden; der kaufmännische Lehrling, der das Einmaleins nicht kann, wäre sicherlich besser dran, wenn er in einen Strickkurs oder auf eine Fahrschule ginge, und warum die Kunsthistorikerin, die Goya der Renaissance zurechnet, nicht lieber Schweine züchtet, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber aus solchen Irrtümern läßt sich ganz und gar nicht schließen, daß es sich bei denen, die weniger als fünfunddreißig Jahre zählen, also bei der absoluten Mehrheit der Bevölkerung, um eine Art von Mutanten handelt. Was sie wissen und was sie ignorieren, ist ebenso sonderbar und monströs wie die Umgebung, in der sie lernen, was sie lernen, und vergessen, was sie vergessen. Wegen ihrer Kompetenz-Kompetenz braucht man sich, glaube ich, keine Sorgen zu machen. Sollten sich die Lebensbedingungen in der Bundesrepublik dergestalt ändern, daß Zizi, Bruno und Helga mit einer soliden klassischen Bildung irgend etwas anfangen könnten — an ihnen würde es ganz gewiß nicht liegen. Ich höre sie schon, wie sie, zur Erleichterung aller, die über die Ignoranz der Jugend klagen, an schönen Herbstabenden statt We don't need no education den ersten Gesang der Odyssee anstimmen.

"Über die Ignoranz" aus: Hans Magnus Enzensberger,
Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen.
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988.

Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

Link zum Buch: Hans-Magnus Enzensberger, Mittelmaß und Wahn

Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren.
Als Lyriker, Essayist, Biograph, Herausgeber und Übersetzer ist er einer der einflussreichsten und weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen.

27. Juli 2015