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Interview mit Zana Ramadani

"Die moralische Eitelkeit und überhebliche Arroganz ist stärker als die Empathie mit den Opfern des Islamismus."

Zana Ramadani ist Menschenrechtsaktivistin und Gründerin von FEMEN Germany

Peter Schmidt: Die Ereignisse in Köln – und auch anderen Städten – haben eine nicht für möglich gehaltene Diskussion in Deutschland losgetreten zur Frage unseres Umgangs mit Verhaltensnormen, die so garnicht unseren Vorstellungen vom Zusammenleben der Menschen und Geschlechter entsprechen. Warum erst jetzt? Das Problem konnte doch, wer sehen wollte, schon seit langen Jahren sehen?

Zana Ramadani: Diese Diskussion wird doch schon seit Jahren von mir und anderen Menschen geführt. Allerdings werden wir mundtot gemacht. In Deutschland kann man dieses Thema nicht mehr sachlich und konstruktiv diskutieren. Die Angst vor dem Rassismus-Vorwurf, der selbstverständlich jedes Mal erhoben wird, überwiegt die Angst vor der zukünftigen Entwicklung. Deutschland muss wieder lernen, diese Themen anzusprechen und zu hinterfragen. Die Medien haben jetzt, nach diesen Geschehnissen in Köln, dazu beigetragen, dass es so öffentlich diskutiert werden kann. Und selbst in dieser Situation kommt bei jeder Diskussion der Rassismus-Vorwurf auf. Wir brauchen eine neue Diskussionskultur!

Peter Schmidt: Haben Sie eine Erklärung für die Bigotterie, das einerseits erbittert um Ampelfrauchen und den letzten Platz im Aufsichtsrat für Frauen gekämpft wird, das Anprangern dramatischer Unterdrückung von Frauen in muslimischen Kulturen aber mit der Keule "rassistisch" verhindert werden soll?

Zana Ramadani: Auch hier wären wir wieder bei dem Rassismus-Vorwurf. Von der muslimischen Seite höre ich mir immer wieder an, ich sei keine Gläubige und so weiter. Und von den Linken und vor allem vom neuen weißen Feminismus muss selbst ich mir Rassismus vorwerfen lassen. Dabei merken diese Menschen, die doch eigentlich für Freiheit, Gleichheit und Gleichberechtigung kämpfen, nicht im Ansatz, dass sie genau denjenigen die Rückendeckung geben, die sie eigentlich bekämpfen sollten. Diesen Menschen, die mir Rassismus vorwerfen, ist wohl ihre postkoloniale Überheblichkeit überhaupt nicht bewusst. Die moralische Eitelkeit und überhebliche Arroganz ist stärker als die Empathie mit den Opfern des Islamismus.

Peter Schmidt: Augstein hatte auf die Kölner Ereignisse mit dem Hinweis auf "das bisschen Grapscherei" reagiert. Sind wir damit nicht wieder in längst überwunden geglaubten Zeiten angelangt als es hieß, "das Luder ist selbst schuld, hätte sich nicht so aufreizend anziehen sollen."?

Zana Ramadani: Damit hat Augstein sich doch quasi selbst disqualifiziert, oder? Der Hinweis auf "das bisschen Grapscherei" zeigt mehr als deutlich was er unter Sexismus und sexuellen Übergriffen versteht. Ich wünschte, er wäre einen Tag lang eine Frau und könnte sich ein bisschen begrabschen lassen. Er kann sich gar nicht vorstellen, wie demütigend und verstörend ein "bisschen Grapscherei" für eine Frau sein kann. Ich wünsche ihm nicht, dass seine Frau, seine Tochter oder seine Schwester dies jemals mitmachen müssen. Trauriger Fakt ist jedoch: Dies erlebt JEDE Frau mehrmals im Leben! Er hat zwar im Anschluss ein längeres Statement im "Spiegel" veröffentlicht und versucht darin alles zu relativieren, vermischt dabei jedoch viele Themen miteinander um seine Aussage irgendwie zu rechtfertigen.

Peter Schmidt: Gerade der linke Mainstream gibt unsere freiheitliche Gesellschaft zum Abschuss frei, indem jede Forderung nach Verhaltensänderungen an die Neubürger verhindert wird und die Kritik selbst an den mittelalterlichsten Riten – und die Verhüllung der Frau ist tiefstes Mittelalter – unterdrückt. War es das mit der Freiheit, die wir kannten?

Zana Ramadani: Da muss ich Ihnen Recht geben. Ich hoffe nicht, dass wir uns wieder zurückentwickeln. Jedoch macht uns, wie vorhin bereits erwähnt, allein schon der linke und weiße Feminismus das Leben schwer.

Peter Schmidt: Dass Integration nicht möglich ist, wenn man nur fördert und nichts fordert, kann man in Frankreich gut beobachten. Integration ist als erstes auch eine Bringschuld – von jedem neuen Mitglied einer Gesellschaft sollte der Wille zur Auseinandersetzung mit der Kultur des Gastlandes erwartet werden und als erste Geste des Respekt der Spracherwerb. Warum wehrt sich insbesondere die links-grüne Öffentlichkeit so massiv gegen eine Politik des Forderns?

Zana Ramadani: Diese Frage kann ich Ihnen gar nicht beantworten. Dies müssten Sie jemand fragen, der genau dies genau so für richtig hält. Ich tue es nicht!

Ich fordere schon immer, dass verpflichtende Sprachkurse stattfinden müssen. Allerdings geht mir das persönlich noch nicht weit genug. Zu diesen verpflichtenden Sprachkursen fordere ich gesonderte, und vor allem verpflichtende, Kurse in "Bürgerkunde" - und diese speziell für Frauen. Meiner Meinung nach gelingt eine gute Integration nur über die Frauen. Wir müssen die Frauen in jeder Hinsicht stärken, so dass sie sich selber, die Familie und die Community emanzipieren können. Dies wird leider, in dieser festgefahren Gesellschaft, alleine über die Männer nicht funktionieren. Auch können wir die Community nicht von außen verändern. Und NUR durch Forderungen und Aufrufe wird es schon mal gar nicht funktionieren. Durch bloße Forderungen werden sie sich höchstens oberflächlich und zum Schein ändern, jedoch intern nicht. Das ist aber keine "gelungene" Integration. Genau dadurch entstehen immer weitere Parallelgesellschaften. 

Peter Schmidt: Früher wurde mit Stolz der Satz von Rosa Luxemburg zitiert "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden". Im Hinblick auf Zuwanderung erleben wir aber jetzt das totale Verbot des Andersdenkens,. Sehen Sie die Ursache dafür in naiver Weltsicht – das Andere ist immer das Bessere – oder eher in einer "klammheimlichen" Sympathie mit einer rigiden Kultur?

Zana Ramadani: Ich habe es vorstehend schon erwähnt. Wir haben gerade hier in der linken Szene eine erhebliche Arroganz und Überheblichkeit. Es ist sehr anmaßend jedem, der die islamische Welt auch nur ansatzweise hinterfragt oder Probleme anspricht, Rassismus vorzuwerfen. Es ist absurd, dass gerade aus dieser Richtung Sprech- und Denkverbote ausgesprochen werden. Es ein Verrat an den Opfern des Islamismus und anderer unterdrückender Regime.

Peter Schmidt: Da der Mensch kann nicht ohne Hoffnung leben kann die Frage: werden wir in zwanzig Jahren noch ungezwungene Lebensfreude im Freibad haben, Karneval und ein westliches Rechtssystem?

Zana Ramadani: Ja, dass werden wir! Wenn ich nicht diese Hoffnung hätte, müsste ich mir das Leben nehmen. Ich müsste mich damit abfinden, dass man mir irgendwann die hart erkämpfte Freiheit wieder nimmt. Ich bin realistisch und glaube, dass wir eine komplette Gleichberechtigung der Geschlechter, zumindest zu meinen Lebzeiten, nicht erreichen werden. Ich weiß auch, dass noch einige Probleme auf uns zukommen werden. Jedoch werde ich den Rest meines Lebens, trotz der ganzen Drohungen und Beleidigungen, jeden Morgen aufstehen und weitermachen. Ich habe die Hoffnung, dass ich mit meiner Arbeit etwas für die positive Weiterentwicklung unserer Gesellschaft beitrage. Oder mindestens meinen Teil dazu beitrage, dass es nicht noch schlimmer wird. Die Alternative wäre, aufzugeben und pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Das kann ich nicht.

01. Februar 2016