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Interview mit Ludger Sauerborn

Ein "grünes Urgestein" wechselt zur AfD
– ein Gespräch zu den Beweggründen (Teil 1)

Eine kurze Vorbemerkung: Wir haben das ausführliche Gespräch aufgeteilt. In Teil 1 erläutert Ludger Sauerborn ausführlich und plastisch, am konkreten Beispiel, was eigentlich "Integration" bedeutet und welche Mammutaufgabe gesellschaftlich und individuell zu leisten ist. Im zweiten Teil werden allgemeine politische Fragen beantwortet. Teil 2 erscheint in 5 Tagen.

Zur Vita: Ludger Sauerborn ist Grüner "der ersten Stunde". Aus einer Vorläuferorganisation kommend hat er noch gemeinsam mit Ikonen der grünen Bewegung wie Petra Kelly oder General Bastian DIE GRÜNEN mitgegründet und war fast 40 Jahre für die Partei tätig. Ludger Sauerborn ist vor wenigen Wochen aus der Partei ausgetreten und hat erklärt, nun den Wahlkampf der AfD zu unterstützen. Zu seinen Beweggründen sind etliche Artikel in diversen deutschen Zeitungen, u.a. der FAZ, nachzulesen. Schwerpunktmäßig zum Thema "Toleranz" hat Peter Schmidt ein längeres, persönliches Gespräch mit Herrn Sauerborn in Worms geführt.

Peter Schmidt: Bei Kaffee und Kuchen waren wir schnell einig, dass uns kein Volk einfällt, dass so wenig rassistisch und fremdenfeindlich ist, wie gerade das deutsche. Ihre eigene Vita bietet interessante Belege für diese These, oder?

Ludger Sauerborn:Sie spielen darauf an, dass ich mit einer Chinesin verheiratet bin und mit zwei deutschen und zwei chinesischen Kindern sehr glücklich in einer multikulturellen Patchwork Familie lebe. Meine mittlerweile siebenjährige Erfahrung ist, dass meine Frau und meine Kinder überall sehr freundlich und zuvorkommend aufgenommen wurden. Es gab keinerlei Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus. Wobei man auch hier nicht versuchen sollte zum Beispiel durch ein albernes "Worte auf die Goldwaage legen" irgend welchen Rassismus zu konstruieren. Wenn ich zum Beispiel den Begriff "Schlitzaugen" verwende hat das genauso wenig mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zu tun, wie wenn Chinesen von Europäern als "Lauweis" (Langnasen) sprechen und sich köstlich über die ein oder andere Eigenart dieser (z.B. getrenntes Bezahlen im Restaurant) amüsieren.
 
Natürlich gilt für alle Ausländer in Deutschland wie für Deutsche auch: "Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es heraus geschallt". Wer zum Beispiel Frauen missachtet oder gar belästigt oder sonst wie kriminell wird, kann nicht erwarten, dass dies akzeptiert wird. Wer unverschämte Forderungen an die aufnehmende Gesellschaft stellt, sich nicht integrieren will, oder gar meint die deutsche Gesellschaft müsse sich den Vorstellungen z.B von muslimischen Flüchtlingen anpassen (z.B. kein Schweinefleisch mehr in Kindergärten oder Schulkantinen) oder gar meint eigene religiöse Vorstellungen oder seine Sitten über das Grundgesetz stellen zu können, dem muss ganz energisch entgegengetreten werden. Da darf es keine falsche Toleranz geben, da sind klare Ansagen und konsequentes staatliches und gesellschaftliches Handeln notwendig.

Integration darf nicht nur als Angebot der aufnehmenden Gesellschaft  angesehen werden, sondern sollte als "Muss" formuliert und - notfalls mit Sanktionen - durchgesetzt werden. Hierbei darf man nicht Integration und Assimilation verwechseln.
Die aufnehmende  Gesellschaft sollte eine möglichst weitgehende Integration ermöglichen und fordern und zwar bezüglich der Sprache, der Ausbildung und der Berufstätigkeit sowie der Kultur (Interesse an und Kenntnisse über das politische System, die Werte des Grundgesetzes, die Geschichte, die Sitten). Schade wäre es wenn sich Zuwanderer assimilieren würden, also ihre Herkunft vergessen würden und mit dieser Herkunft einhergehende besondere Kenntnisse und Fähigkeiten verlieren würden. Wenn  Zuwanderer auch in der nächsten Generation diese Fähigkeiten behalten, können sie dauerhaft eine Bereicherung für Deutschland sein.

Ich will das am Beispiel meiner Familie veranschaulichen. Meine Frau hat zwar als wir uns kennen lernten vier Sprachen (Mandarin, Kantonesisch, Hakka und Vietnamesisch) gesprochen, aber kein Englisch und keinerlei Deutsch.  Deshalb musste der Schwerpunkt der Integration zuerst einmal auf dem Spracherwerb liegen. Interessant und wahrscheinlich exemplarisch war hierbei, dass meine siebenjährige Tochter die Sprache wie ein Baby erlernte und nach nur einem Jahr fast perfekt Deutsch sprach.  Meiner Frau und dem dreizehnjährigen Sohn fiel das Erlernen der deutschen Sprache sehr viel schwerer. Es bedurfte vielfältiger Unterstützung meinerseits und der Schule und große Anstrengung ihrerseits. Der nächste Schritt  waren schulische Ausbildung, Berufsausbildung und Arbeitsplatzsuche. Auch hier hatte meine Kleine keinerlei Schwierigkeiten, sie war eines der wenigen Kinder in ihrer Klasse, das am Ende der Grundschule eine Gymnasialempfehlung bekam. Obgleich bei meinem Sohn in der Hauptschule einiges nicht optimal gelaufen war, bekam er vom hiesigen Energieversorger EWR die Chance, eine Lehre als Elektrotechniker zu machen. Letzten Monat hat er die Lehre erfolgreich abgeschlossen und bekam wie alle, die mit der Note 3 oder besser abgeschlossen hatten, erst mal einen 1-Jahres-Vertrag. Meine Frau ist ein Beispiel dafür, wie schwer berufliche Integration in den Arbeitsmarkt für viele Flüchtlinge  sein wird, selbst wenn sie in ihrer Heimat gut qualifiziert waren, was ja bei der überwiegenden Zahl nicht der Fall ist. Obwohl meine Frau in China eine hochqualifizierte Schönheitschirurgin war und sie  das größte "Beautyinstitut" in der Provinz Guangxi geleitet hat, kann sie in Deutschland nicht als Schönheitschirurgin arbeiten. Zum einen weil in Deutschland die chinesische Ausbildung (mehr handwerklich, weniger akademisch) nicht anerkannt wird, aber auch weil in Deutschland ihre Spezialisierung (sie hat in China mehr als 1000 Nasen vergrößert)  verständlicherweise nicht nachgefragt wird. Deshalb arbeitet Sie jetzt auf 450 € Basis im Versand einer kleinen Firma, die einen Geschenkeservice nach Taiwan betreibt.

Sehr wichtig war mir auch die kulturelle Integration meiner Familie. Dazu gehörten zum Beispiel Ausflüge nach Schengen, zum Hambacher Schloss, zu den Burgen des Mittelrheintals, zum Deutschen Eck in Koblenz oder zum Kaiserdom in Aachen. Natürlich haben auch meine chinesischen Kinder den Religionsunterricht besucht. Obgleich ich selbst Atheist bin, habe ich schon Gottesdienste mit dem chinesischen Teil meiner Familie besucht und bin mit ihnen auch mal bei einer Fronleichnamsprozession mit gelaufen, damit sie auch (seltsame :-)) "christlich abendländische Traditionen" kennen lernen.

Seit einiger Zeit brauche ich mich nicht mehr so sehr um die Integration meiner Familie zu kümmern, sondern das "Nichtassimilieren", also das Pflegen der familiären kulturellen Wurzeln, vor allem meiner kleinen chinesischen Tochter steht stärker im Vordergrund. Sie besucht jeden Samstag die chinesische Schule in Darmstadt und lernt dort chinesisch lesen und schreiben und wird an chinesische Sitten und Gebräuche herangeführt. Natürlich werden bei uns auch chinesische Feste wie das chinesische Neujahrsfest oder das Drachenbootfest gefeiert.   Ebenso versuchen wir unseren Kindern die Sitten und Gebräuche der Hakka zu vermitteln, einer Minderheit innerhalb der Han Chinesen, der meine Frau angehört. Wir versuchen am "chinesischen Totensonntag" im April oft in China zu sein um an den sehr interessanten Zeremonien am Grab der Eltern teilzunehmen. Selbstverständlich werden wir alles daran setzen, dass alle unsere Enkel, seien es chinesisch-deutsche oder deutsch-amerikanische, zweisprachig aufwachsen. Dann werden unsere "Multi-Kulti-Enkel" nicht nur voll integriert sein, sondern können auch eine außergewöhnliche Bereicherung für Export orientierte deutsche Unternehmen sein. Von Ausländern können wir auch viel lernen, nicht nur beim Kochen.  Auch Tugenden und Einstellungen die in Deutschland ganz oder teilweise verlorengegangen sind wie Familiensinn und Subsidaritätsprinzip oder Patriotismus können uns  nicht assimilierten Menschen mit Migrationshintergrund wieder näher bringen.

Ich erläutere unsere familiären Bemühungen auch so ausführlich um aufzuzeigen, dass Integration ein höchst schwieriges und ambitioniertes Unterfangen ist, dass natürlich in multikulturellen Familien gut gelingen kann, aber leider ist dies wahrscheinlich bei vielen weitgehend auf sich gestellten Flüchtlingen nicht der Fall. Wir bräuchten quasi für jeden Flüchtling einen Betreuer der ihn lange Zeit an die Hand nimmt. Wenn man sich das klar macht wird deutlich, dass Integration nicht bei einem Zuzug ohne Obergrenze gelingen kann. Eine Flasche Wasser am Bahnhof vorbeibringen und ein Welcome-Fähnchen schwenken und ein wenig Deutschkurs, das reicht sicherlich nicht!

Ende Teil I

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03. März 2016