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Brigitta Biehl, Rechtsanwältin, Mitglied bei PERI e.V.

Der Schutz des Grundgesetzes
gilt uneingeschränkt für alle in Deutschland Lebenden.

Im Zuge der Diskussionen über die derzeitige Flüchtlingswelle, deren Ende nicht absehbar ist, taucht immer wieder die Frage auf, ob es möglich sein wird, alle diese Menschen, von denen ein großer Teil dauerhaft in Deutschland bleiben wird, zu integrieren, wie dies geschehen kann und was getan werden muss. Meist beschränken sich die Vorschläge auf den Spracherwerb und die Arbeitsaufnahme oder Ausbildung. Soweit ersichtlich spielte bislang die Frage, wie die in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsenen Menschen mit dem Leben in einer Gesellschaft, die großen Wert auf individuelle Freiheiten legt, klarkommen werden, kaum eine Rolle.

Dabei wird genau dieses Thema in den kommenden Jahren zum Schlüssel für das gelingende Zusammenleben werden. Es wird Menschen geben, die diese individuellen Freiheiten für sich und ihre Familien als Chance begreifen, es wird Menschen geben, die diese Freiheiten verachten und sich in einer Parallelgesellschaft einrichten, und es wird Menschen geben, denen diese Freiheiten, obwohl sie sich nach ihnen sehnen, nicht gestattet werden. Um diese Menschen gilt es sich zu kümmern. Es wird notwendig sein, auf Probleme hinzuweisen, die bislang zu wenig berücksichtigt wurden, die dann aber schlimmstenfalls zu Todesfällen wie aktuell dem in Dessau führen (vgl. http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/tote-syrerin-familie-unter-verdacht100_zc-a2551f81_zs-ae30b3e4.html). Hilfevereine wie peri eV, die auf die nachfolgend beschriebene familiäre und kulturelle Situation insbesondere der Mädchen und Frauen hinweisen, werden zeitweilig von vermeintlich wohlmeinenden oder besonders "toleranten" (vielleicht eher ignoranten) Menschen diskreditiert, wahlweise als "rassistisch" oder "islamophob". Die Berichterstattung sowohl über Übergriffe auf Frauen in Flüchtlingsheimen als auch über sog. Ehrenmorde erfolgt aus Sorge, sich dem Vorwurf des Rassismus auszusetzen, nur versteckt. Auch die politisch Verantwortlichen scheinen hier noch keinen besonderen Handlungsbedarf zu sehen. Frauen, die sich mit ihrer Flucht auch ein selbstbestimmtes Leben wünschen, werden durch diese Vorsicht mit ihren ganz speziellen Schwierigkeiten allein gelassen. Diese Schwierigkeiten resultieren aus einer ganz anderen Stellung der Frauen in den Herkunftsländern und einem damit einhergehenden anderen Wertesystem.

Hatun Sürücü, Morsal Obeidi, Arzu Özmen – 3 Namen von vielen, deren Trägerinnen das gleiche Schicksal erlitten haben: sie wurden von denen, die ihnen vermeintlich am nächsten sind, nämlich den eigenen Familienmitgliedern ermordet, weil sie sich den Konventionen, die ihre Familien ihren Mitgliedern auferlegt haben, widersetzten. Sämtliche genannte Familien lebten seit Jahren in Deutschland, führten hier aber das traditionelle patriarchalische Leben fort, das auch in ihren Herkunftsländern gelebt wurde. Die 3 Frauen, die sich dem dort herrschenden Zwang entzogen bzw. entziehen wollten, mussten ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben auf das Schlimmste büßen. Wir sehen daher für die nun hier zuwandernden Frauen/Mädchen durchaus Gefahren. Unsere Gesellschaft muss diese Menschen schützen.

Folgender Hintergrund ist dabei zu beachten: Die Tradition der Herkunftsländer verlangt, dass Kinder ihren Eltern gehorchen und ihnen "Ehre" machen. Die Kinder werden als Mittel gesehen, um die gesellschaftliche Anerkennung des Umfeldes zu erwerben. Die Nachkommenschaft ist den Regeln, wie sie die Eltern aufgestellt haben, strikt unterworfen. Diese Regeln, die das Familienoberhaupt explizit oder inzidenter aufstellt, können ihren Ursprung in archaischen Traditionen haben oder in religiösen Vorschriften. Ein "freizügiges" Leben, wie es in den mitteleuropäischen Ländern üblich ist, ist verhasst und wird abgelehnt. Eine große Gefahr sehen Eltern deshalb in Kontakten, die ihre Kinder mit diesen "freizügig" aufwachsenden und aufgewachsenen Kindern pflegen; es herrscht bei den Eltern große Angst, dass ihre Kinder "so wie die" werden könnten. Denn deren Lebensführung gilt als "ehrlos". Sie gehorchen den Eltern nicht bedingungslos, sie diskutieren mit den Eltern über die Sinnhaftigkeit der familiären Regeln, sie widersprechen.

Das Erziehungsziel derartiger traditioneller Familien ist ein anderes als das der hiesigen Eltern: ist es für deutsche Eltern erstrebenswert, die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen, damit sie als Erwachsene ihr eigenes Leben führen können, ist das Erziehungsziel der traditionellen Familien, dass die Kinder auch als Erwachsene den elterlichen Regeln (oder denen der Schwiegereltern) folgen und diese später an ihre Kinder so weitergeben.

Der geforderte Gehorsam wird notfalls mit Gewalt erzwungen. Dabei geht es keineswegs "nur" um die ein oder andere Ohrfeige oder den berüchtigten "Klaps", sondern es wird auch vor Misshandlungen nicht zurückgeschreckt. Der "Ehrenmord" ist das Ende einer langen Reihe von Gewalttaten. Diese Misshandlungen werden das ein oder andere Mal durchaus auch im gesellschaftlichen Umfeld (Schule, Ausbildung) bemerkt, häufig aber von den Betroffenen geleugnet, weil sie sich schämen, dass ihre Familie anders ist als die Familien der Mehrheitsgesellschaft. Sie schämen sich dafür, geprügelt zu werden. Es ist daher auch für Lehrer und Lehrerinnen, Arbeitgeber oder Ausbilder schwierig, den Betroffenen zu helfen. Notwendig ist, dass die Person, die Hilfe leisten möchte, ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Das ist nicht einfach, weil die Menschen groß werden in dem Bewusstsein, dass nur die Familie zählt und alle Außenstehenden weniger wert sind.

Werden die Kinder älter, wird es für die Eltern anstrengender, die Regeln durchzusetzen. Die Kontrolle wird verstärkt. Die Jugendlichen führen zwei Leben: ein Leben in der Familie bzw. deren traditionell geprägten Umfeld (das kann der erweiterte Familienkreis sein, auch die Gemeinde, der sich die Familie zugehörig fühlt) und ein Leben "unter Deutschen" (Schule, Arbeitsplatz). Wenn ältere Schülerinnen, Studentinnen, Arbeitnehmerinnen von den Eltern (manchmal auch dem Bruder) zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden, ist das im Regelfall weniger ein Zeichen besonderer Fürsorge, sondern reine Kontrolle, um zu verhindern, dass außerhalb dieser Bereiche, in denen sich ein Aufeinandertreffen nicht vermeiden lässt, Kontakte zu den deutschen Mitschülerinnen oder gar Mitschülern gepflegt werden.

Mit der Pubertät entsteht die weitere Sorge, dass Mädchen ihre Jungfräulichkeit verlieren – damit wäre der Ehrverlust für die Familie vollständig. Dabei ist zu bedenken, dass in diesem Milieu jegliche Begegnung zwischen Mann und Frau unter einem sexualisierten Blickwinkel betrachtet wird. Das führt u.a. dazu, dass Frauen Männern nicht die Hand geben. Es wird unterstellt, dass das Aufeinandertreffen einer Frau mit einem nicht zur Familie gehörenden Mann unverzüglich zur Aufnahme sexueller Beziehungen führt und damit die Frau = die Familie entehrt ist (es sei auf einen Hadith verwiesen, nach dem der Prophet sagte: "kein Mann ist mit einer Frau allein, außer dass Satan der dritte Anwesende ist".). So soll auch das Tragen des Kopftuchs verhindern, dass Männer die Frau als sexuelles Wesen wahrnehmen und übergriffig werden. Es wird die Auffassung vertreten, dass das Tragen des Kopftuchs ein Mittel gegen die behauptete allgegenwärtige Sexualisierung des mitteleuropäischen Alltags ist. Diese empfundene Sexualisierung ist auch der Hintergrund für die hin und wieder auftauchenden elterlichen Verbote, auf Klassenfahrten zu gehen oder am Schwimmunterricht teilzunehmen.

Nun werden gesteigerte Anstrengungen unternommen, die Mädchen so schnell wie möglich zu verheiraten. Denn mit der Heirat geht die Verantwortlichkeit für das ehrbare Verhalten des Mädchens vom Vater auf den Ehemann (und die Schwiegerfamilie) über – für die Herkunftsfamilie ein Problem weniger. Da Sexualität außerhalb der Ehe tabu ist, ist zügig ein geeigneter Kandidat für die Eheschließung zu finden. Das Wichtigste dabei ist dann, dass von diesem möglichst die traditionellen Werte der Herkunftsfamilie geteilt werden. Am sichersten ist daher die Heirat innerhalb des erweiterten Familienkreises. Nahezu ausgeschlossen ist die Eheschließung mit einem Deutschen. Selbst die im Islam geforderte Konversion eines nicht-muslimischen Ehemannes reicht nicht aus. Die jesidische Religion schließt ein Mitglied, das sich einem Nicht-Jesiden zuwendet, gleich ganz aus.

Berücksichtigt man dieses enge Regelkorsett, wird auch klar, warum es für die Familie eine unvorstellbarer Affront ist, wenn die Töchter es ihren Freundinnen gleich tun, sich aushäusig mit Jungen treffen oder sich gar aus eigenem Antrieb einen Freund suchen. Wird dies der Familie bekannt, helfen nur sofortige Heirat (damit kann man ja möglicherweise den Regelverstoß wieder gutmachen) oder eine offensichtliche Reaktion der Eltern, eine Bestrafung: das kann das Verstoßen aus dem Familienkreis sein (und das ist dann unabänderlich; die verstoßene Tochter ist nicht mehr existent für die Familie) oder als letzte Möglichkeit die Tötung.

Der im Bereich des "Ehrenmordes" forschende Prof. Kizilhan ging schon vor Beginn der jetzigen Flüchtlingswelle davon aus, dass die Zahl der Ehrenmorde steigen wird, weil sich gerade Frauen und Mädchen aus dem vorgegebenen Korsett lösen wollen (weitergehend: http://www.taz.de und https://www.zwangsheirat.de) . Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, diese düstere Vision nicht Realität werden zu lassen.

Peri eV macht nicht nur durch Berichterstattung auf die Situation der Migrantinnen aufmerksam, sondern bietet hilfesuchenden Frauen auch die Möglichkeit, in einer sog. Patenfamilie so etwas wie eine neue Familie zu finden. Die Lösung des Problems kann aber nicht nur privaten Initiativen überlassen werden, vielmehr muss die Politik die Freiheitsbestrebungen dieser Frauen aktiv unterstützen. Es darf keine Zugeständnisse an Intoleranz und Ungleichbehandlung aufgrund vermeintlich religiöser oder kulturell verankerter Besonderheiten geben.

09. November 2015