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Sven Staehlin, Justiziar und Vorstand im DAV

Aspekte der Vermögensnachfolge
Teil 1: Grundgedanken

Stirbt ein Vermögensinhaber, geht nur im krassen Ausnahmefall dessen Vermögen auf den Staat über. Vorrangig erhalten es diejenigen, die sich der Vermögensinhaber zuvor noch selbst – unter Beachtung gewisser Formen – ausgesucht hat. Anderenfalls wird es nach einem gesetzlichen Schlüssel unter den Familienmitgliedern verteilt.

Wer will, kann sein Vermögen auch zu Lebzeiten an Dritte verschenken. Was sich merkwürdig ausnimmt, geschieht gar nicht so selten. In den wenigsten Fällen verbirgt sich dahinter allerdings echte Großzügigkeit: Mal soll ein Vermögen vor Regressansprüchen des Staates, etwa wegen hoher Pflegekosten, in Sicherheit gebracht werden. Mal sollen Familienmitglieder zu besonderer Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft angehalten, mal ein Unternehmen auf die nächste Generation zu Fortführungszwecken übertragen werden. Mitunter geht es auch einfach nur darum, Steuern zu sparen; denn selbst ein großes Vermögen ist am Ende nur ein mittleres, wenn aus ihm ein kleines Vermögen für Steuern bezahlt werden muss.
Aber gleich ob Schenkung oder Erbschaft – stets ist größte Vorsicht und Voraussicht geboten: Wer seinen Abkömmlingen ein unternehmerisches Lebenswerk "vermacht" oder sonstige mühsam gebildete Vermögenseinheiten hinterlässt, sollte regelmäßig damit rechnen, dass die Nachfolger nicht die gleiche Verbundenheit zu solchen Einheiten aufweisen und sie bei nächstbester Gelegenheit gewinnbringend zu veräußern versuchen. Oder sie aufgrund von Unfähigkeit leichtfertig zerstören. Oder wer schon zu Lebzeiten sein Vermögen an andere unter bestimmten Auflage verschenkt, kann erleben, dass diese von solchen Auflagen später einfach nichts mehr wissen wollen; Treue und Verbundenheit wie auch das gesprochene Wort sind flüchtig, das ist im Freundes- und Familienkreis nicht anders.

Die möglichen Fallstricke sind zahlreich, weshalb nur dazu angeraten werden kann, jede beabsichtigte lebzeitige Zuwendung, jedes Testament oder jede sonstige Verfügung von Todes wegen von Wert rechtzeitig mit auf die Vermögensnachfolge spezialisierten Rechtsanwälten vorzubereiten. Diese handeln vorausschauend, erkennen aufkommende Gefahren und Probleme und erstellen rechtsgeschäftliche Vereinbarungen oder Konstruktionen so, dass die mit einer Vermögensübertragung verfolgten Ziele am Ende auch wirklich erreicht werden.

Gerade Familienunternehmer tun übrigens gut daran, etwaige Nachfolgerisiken weit über das Juristische hinaus identifizieren zu lassen. Etwa ist der langfristige Erfolg von Familienunternehmen streng damit verknüpft, dass von Generation zu Generation jeweils gut ausgebildete Unternehmerpersönlichkeiten für die Nachfolge bereitstehen. Gefahr droht, wenn ein Elternteil die Eignung des Nachfolgers völlig falsch einschätzt, was umso wahrscheinlicher ist, je prägender und leitender der Wunsch ist, das eigene Kind als Nachfolger im Unternehmen zu sehen.

Bei zwei oder mehr Abkömmlingen besteht zusätzliches Gefahrenpotential allein wegen der unter Eltern weit verbreiteten Neigung, alle Abkömmlinge gleich zu behandeln bzw. keinen dieser Abkömmlinge gegenüber dem jeweils anderen bevorzugen zu wollen. Nach Ansicht von Experten ist diese Haltung – so ehrbar sie auch sein mag – aus unternehmerischer Sicht eher unklug, weil die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich gleich zwei oder mehr Geschwister gleichzeitig zum Unternehmer eignen, eher als gering einzustufen ist. Gerade die weniger geeigneten Geschwister werden in dieser Situation ihr Recht, auf unternehmerische Entscheidungen einzuwirken, meist weniger den Unternehmenszielen unterordnen, als vorrangig ihre eigenen, rein finanziellen Interessen gegenüber den Geschwistern durchzusetzen wissen.

Fachleute empfehlen Eltern deshalb, an den Anfang jeder Nachfolgeplanung die Anberaumung und Durchführung einer sog. Familienkonferenz zu stellen. In einem solchen – professionell moderierten – Gesprächsrahmen lassen sich das Selbstverständnis und eigene Ziele der Kinder einmal ganz grundlegend ausloten und die Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern auf schwelende Konflikte hin analysieren. Etwa kann auch geklärt werden, welche von mehreren Personen sich überhaupt zur Führungsfigur eignet, dahin strebt und in diesem Bestreben auch von anderen unterstützt oder zumindest akzeptiert wird. Von diesen und anderen Erkenntnissen ausgehend lässt sich die Nachfolge grundlegend besser strukturieren und ein passendes Rechtskonstrukt ersinnen, über das sich die meist divergierenden Interessen aller Beteiligten noch "unter einen Hut" bringen lassen.

Möglich ist aber auch, dass am Ende einer Familienkonferenz steht, dass sich unter keinem denkbaren Ansatz die unterschiedlichen Interessen sinnvoll übereinbringen lassen. In diesem Fall dient es dem Familienfrieden, aber auch der Vermögenssicherung eher, wenn ein Unternehmen verkauft statt von der eigenen Familie fortgeführt wird.

Soweit es aber darum geht, Vermögens- und insbesondere Unternehmenseinheiten längerfristig zu bewahren, werden wir Ihnen in den kommenden Teilen dieser Serie einzelne dafür besonders geeignete Rechtskleider vorstellen. Zudem werden wir (im Überblick) die steuerlichen Aspekte der Vermögensnachfolge behandeln. Und wir werden am Ende noch ganz praktische Empfehlungen aussprechen.

3. Dezember 2014