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Nicolaus Fest, Journalist

Selbstverantwortung und Glück

Ist Selbstverantwortung Glück? Der Deutsche Arbeitgeberverband versucht seit Jahren, dies den Deutschen einzureden, und ebenso versucht es die FDP. Doch in beiden Fällen ist der Erfolg überschaubar. Offensichtlich denken die Deutschen anders. Sie betrachten Selbstverantwortung mehrheitlich als Last, als wenig erstrebenswert. Die Sicherheit eines festen Arbeitsverhältnisses ist den meisten lieber als das angebliche Glück der Selbstverantwortung.                                     

Und man kann es den Menschen kaum verdenken. Wer sich unter denjenigen umschaut, die ihren Lebensunterhalt als Selbständige erarbeiten, findet viele in eher prekären Verhältnissen, seien es Spediteure, Taxifahrer, Wirte, Handwerker. Doch auch Architekten, Anwälte und Freiberufler außerhalb der großen Büros, Praxen und Kanzleien haben oft hart zu kämpfen. Hinzu kommt ein Steuerrecht, welches das Wagnis des Unternehmertums in keiner Weise honoriert, sowie Stunde um Stunde unbezahlter Verwaltungsarbeit für die Erledigung der sozial-, steuer-, arbeits- oder ausbildungsrechtlichen Vorgaben. Nur Personen mit einer obskuren Liebe zur Selbstkasteiung werden hier von Glück sprechen. Objektiv ist es eher das Gegenteil. Wo die ständige Sorge um den Kontoausgleich oder um die rechtzeitige Überweisung der Sozialversicherungsbeiträge das Leben bestimmt, ist Selbstverantwortung ein Glücksversprechen ohne Wert.

Doch ist die Frage, ob es überhaupt um Glück geht. Niemand käme auf den Gedanken, die Gewaltenteilung oder Versammlungs- und Meinungsfreiheit als Kategorien des Glücks zu sehen und unter diesem Rubrum für sie zu werben. Zwar sichern sie alle den Erhalt des freiheitlichen Rechtsstaates und damit politisch den Raum, in dem Glück erst möglich wird; aber dass die Trennung von Exekutive und Legislative oder die Grundrechte als solche glücklich machen, wird keiner behaupten. Vielmehr begreift sie jeder als schlichte Grundvoraussetzungen der freiheitlichen Demokratie – also nicht als unmittelbare Schlüssel zum Glück, aber als solche zu den Türen, die vielleicht dorthin führen.

Ganz ähnlich ist es mit der Selbstverantwortung. Auch sie ist so wenig Glück wie die Gewaltenteilung; oft ist sie sogar Last. Doch für das Gelingen eines freiheitlichen Staatswesens ist sie ebenso wichtig. Ohne die eigenverantwortliche Mitwirkung der Bürger, ob in politischen, karitativen oder kulturellen Initiativen, wäre dieser Staat schon längst kaputt. Verantwortung für die eigenen Belange zu übernehmen – und darüber hinaus vielleicht sogar noch für andere – ist Voraussetzung eines funktionierenden Gemeinwesens, ist eine Notwendigkeit. Doch bei Notwendigkeiten fragt man nicht nach Glück.

Leider wird diese Bedeutung der Selbstverantwortung im Grundgesetz nicht gespiegelt: Zwar spricht es von der freien Entfaltung der Persönlichkeit, doch bekannter sind die Stellen, die einem paternalistischen Versorgungsstaat das Wort reden: Die Definition der Bundesrepublik als Sozialstaat gehört ebenso dazu wie die Sozialbindung des Eigentums. Das Recht des Einzelnen auf ein unbevormundetes Leben, der eigenständige "Pursuit of Happiness" der amerikanischen Verfassung, ist im Grundgesetz nicht verankert.. Zwar prägt das Bild des selbstverantworteten Lebens den Menschenbegriff des Grundgesetzes; aber als Staatsziel ist es nicht genannt. Und es ist mehr als eine Anekdote, dass Ludwig Ehrhard mit seiner Forderung scheiterte, das Recht auf Konsum im Grundgesetz festzuschreiben. Den Carlo Schmids dieser Welt war so viel kapitalistische Lust und Freude an den Früchten der eigenen Leistung suspekt.

Die dürre biologistische Metapher des Artikels 2 GG, die lediglich die Entfaltung der Persönlichkeit gewährt, aber Zweck und Ziel nicht nennt, ist daher eines der Versäumnisse des Grundgesetzes. Sie übersieht, dass Eigenverantwortung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern der Ermunterung bedarf. Dass sie zudem immer Verantwortung fordert, und damit oft auch zur größeren Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen beiträgt, liegt schon in ihrem Begriff.

31. Oktober 2016

 
   


Nicolaus Fest

Nicolaus Fest, bis September 2014 stellv. Chefredakteur der BILD am SONNTAG, ist kürzlich der AfD beigetreten. Auch dieser Schritt ist für ihn kein Versprechen auf Glück, sondern eine Notwendigkeit aus Sorge um dieses Land.