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Moritz Freiherr Knigge

Erfolgreich Mensch bleiben

In Zeiten, in denen sich neun von zehn Menschen mehr Respekt im Umgang miteinander wünschen und die Rüpel-Republik ausgerufen haben, fällt es nicht immer leicht erfolgreich Mensch zu bleiben. Geht aber, wenn wir da beginnen, wo wir den größten Hebel haben: bei uns selbst. Unserer Sehnsucht nach Ehrlichkeit, Formfreiheit und moralischer Luftherrschaft zum Trotz.

»Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.« spricht Goethe in Faust aus Baccalaureus' Mund. Und bis heute sind Ehrlichkeit und Authentizität unsere Lieblingstugenden. Gesicht zeigen zählt. Und zwar mehr, als ein Gesicht zu wahren. Oberflächlichkeit mag dem Rheinländer verziehen sein. Ansonsten mögen Floskeln und Phrasen bitte Sache von Amerikanern und Asiaten bleiben. Wer fragt: »How are you?« darf sich auf unsere ehrliche Antwort freuen: »Bescheiden, wenn Sie es genau wissen wollen!« Offen bleibt meist die Frage, wie genau mein gegenüber es eigentlich wissen wollte.

Kultur bevorzugt das Angenehme. Doch wie kann das zu einer Frage von Wahrheit und Lüge werden? Warum zeigen wir uns ungeschminkt, reden Tacheles, schlagen mit dem

Zaunpfahl zu statt zwischen den Zeilen zu lesen? Eine Begründung liefert Rousseau, Aufklärer und Schutzpatron der 68er: »Natur ist gesund, Kultur verdirbt den Charakter.« Sein »Edler Wilder« lebt gerade und aufrecht, nur in und für sich. Der Vergesellschaftete seiner Ansicht nach stets außerhalb seiner selbst – krumm, konfliktscheu und voller scheinheiliger Zwänge. Wie eine Dame aus meinem Haus. Ein Nachbar sprach mich neulich auf sie an: »Knigge, warum haben Sie denn der Peters die Kartoffeln hochgetragen? Die ist doch gerade mal halb so alt wie Sie?« »Weil sie mich freundlich darum gebeten hat.« antwortete ich. »Ja. Freundlich ist die. Scheint ihre Masche zu sein!« Freundlichkeit als Waffe, dachte ich. Wow. »Alles Ehrenhafte ist nützlich.« dachte ich am Abend, als die freundliche Frau Peters einen Teller köstlichen Kartoffel-Auflaufs brachte. Umgangsformen sind wie ein Schmierstoff, der die Leere zwischen den Menschen füllt. Und uns erlaubt Nähe herzustellen indem wir Distanz wahren. So wie Schopenhauers Stachelschweine, die sich in kalten Winternächten wärmen ohne sich zu zerstechen. Sie haben eine Form gefunden, das Mögliche gemeinsam zu leben.

Wer Form wahrt, zeigt Bereitschaft, die Wirklichkeit auszuhalten und nicht alles auf die Goldwaage zu legen. Mein britischer Freund Simon formuliert das so: »Wenn in London jemand angerempelt wird, sagt er »Sorry«. Nicht weil er weich in der Birne ist, sondern damit er ungestört tun kann, was er will: entspannt nach Hause gehen. Wenn ich in Deutschland jemanden anrempele, fühlt er sich angegriffen: ‚Tschuldigung!?' Bitte ich ihn um Entschuldigung, zieht er meckernd ab. Und erzählt zuhause, dass nur noch Rüpel durch die Welt rennen. Ich nenne das ‚The German-Sorry'. Am Ende fühlen sich alle schlecht.«

Apropos schlechtes Gefühl: Was macht der edle Wilde, wenn ihm die Wildheit der anderen auf die Nerven geht? Er macht sich zum Edlen und die anderen zu Wilden. Mittels Moral. Der Entwertung der anderen: Der Gutmenschen, der Helikoptereltern, der Lügenpresse, der Fleischfresser, der Körnerfresser, der Raucher, der Marathonläufer, der Sozialschmarotzer, der SUV-Bonzen, der Migranten, der Betriebsräte, der Konsumopfer und naiven Weltverbesserer. Schublade auf und rein mit dir. Wer Sein und Sollen auseinanderhalten will, wer Kultur verteufelt und Rohheit zur Tugend macht, wer anderen die Maske herunter reissen will, sie auf dieser oder jener Seite sehen will, der zerstört
jedes Miteinander.

Ich will also lieber dort anfangen, wo ich wirklich etwas ändern kann. Bei mir selbst. Erfolgreich Mensch bleiben heißt für mich, die Möglichkeiten im Umgang mit anderen
wachsen zu sehen. Schubladen aufzumachen, meinen Mut zusammen zu nehmen, die eigene Wildheit und das Edle im anderen zu sehen. Form heißt, mich in Form zu bringen, statt sie von anderen zu fordern. Wer erfolgreich Mensch bleiben will, tritt in Vorleistung. Er tut, was er von anderen erwartet. Und er lässt sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Das können nur wir: einander ein Gesicht geben und es wahren. Wir sind so frei. Und mal unter uns: Wer könnte uns diese Arbeit abnehmen?

Zuerst erschienen in "Erhards Erben"

27. Februar 2017

   

Moritz Freiherr Knigge

Seit 15 Jahren spricht der Autor und Redner mit und zu Menschen in Unternehmen. Mit jungen Hüpfern, alten Hasen, fleissigen Bienen, Haifischen, Zwölf-Endern, grauen Mäusen und bunten Vögeln. Er hört zu, was sie verärgert, bewegt, erfreut und inspiriert im Umgang mit Menschen.