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Rainer Waßner, Soziologe

Hauptsache Stil

Rostock möchte nächstes Jahr so richtig Karneval feiern. Im Bundestag bedient sich ein Redner seines Regionaldialektes. Auf einer Rockerparty trägt ein Teilnehmer Anzug und Krawatte. Künftig will unser Fußball-Nationaltrainer auf Ballzauberei und Stars setzen, statt wie bisher auf Mannschaftsgeist und taktische Disziplin... Wir finden bei diesen Nachrichten sofort, da passt irgendetwas nicht zusammen. Stilbruch. Was aber ist denn Stil selbst, soziologisch gesehen?

Das Zusammen am Leben

Aus gegenseitig förderlichen und beeinträchtigenden Beziehungen und Bestrebungen entstehen dauerhafte Bindungen und Verbundenheiten: die sozialen Gestalten. Jede formiert ein Ensemble aus Menschen, Ideen, Gewohnheiten, Dingen, Erinnerungen und Plänen, Erwartungen und Verpflichtungen. Zum Beispiel ein Verein, Parteien, eine Religion, eine Kirchengemeinde, eine Sprache, eine Familie; Sitten und Bräuche, ein Verkehrssystem, ein Amt; eine Stadt, ein Land, ein Staat; ein Museum, die Freiwillige Feuerwehr, eine Terrorzelle, ein Unternehmen; die Bundesliga, die Marine, die Berliner Philharmoniker, der Pfälzerwald; eine Fernsehproduktion, eine Erpresserbande, Ärzte ohne Grenzen. Überall ein gerichtetes Zusammenwirken, mit überpersonaler Geltung und korporativen Zielen, an denen man sich orientiert und mal lustvoll, mal leidvoll hingibt.

Von Menschen geschaffene, lebendige, verselbständigte Gebilde aus Tätigkeit, mit "einer teleologischen Struktur" (Hans Freyer), mit einer "Intentionalität" (Edmund Husserl). Gruppen, aber von innen, nach den sie bewegenden kohäsiven Kräften betrachtet, von einer verstehenden Soziologie. Soziale Gestalten können sogar nach Jahrhunderten wiederbelebt werden: Der Ring des Nibelungen, die Olympischen Spiele, die Hieroglyphen. Ein Ort benennt ein Festival nach einem lange vergessenen Künstler aus ihren Mauern.

Sinnfabriken

In den sozialen Gestalten verbünden sich also Menschen, eine Leistung kontinuierlich zu erbringen. Was wird gemeinsam gewollt, beabsichtigt? Manchmal erteilen Statuten, Verträge, Verfassungen, Satzungen Auskunft. Was aber "bezweckt" die Familie Schroffenstein, das russische Volk, die Freundschaft von Goethe und Schiller, die Stadt Bottrop, die friesische Sprache, der Münchner Fasching, der Buddhismus? Den in ihnen enthaltenen "Sinn" zu bestätigen, zu entfalten, zu kräftigen, und der lässt sich nur aus ihrer Geschichte herleiten und ist oft nicht präzise angebbar.

Der Sinn verschiebt sich, neue Motive treten hinzu, Generationen von Menschen und Dinge werden im Lauf der Zeit ausgewechselt, die Aufgaben wechseln mit den Herausforderungen der und an die Umwelt. Die Neuerungs- und Wandlungsfähigkeit ist freilich begrenzt: aus der Chorgemeinschaft "Harmonie" mag irgendwann eine Musikschule, gar ein Heimatverein werden, aber niemals ein Geldwäscheinstitut. Da wäre der Ursprungsimpuls, der Sinn eben, verlorengegangen, die Absicht verfehlt. Das Selbst zerstört.  

Stil: Das Wie am Was

Stil sagt, wie die Komponenten einer sozialen Gestalt zu einem Leistungszusammenhang untereinander verbunden werden, gleichsam in welcher Tonart sie zusammenstimmen. Stil zeigt den Umgang von Menschen mit Menschen, Dingen und Sachverhalten. Stil ist sinnlich Wahrnehmbares am Sinn: wie Menschen arbeiten, ruhen, lieben, beten, sprechen, essen, erziehen, handeln und behandeln. Stilistische Ausdrucksmittel sind Baulichkeiten, Bekleidung, Stimmlage, Symbole und Zeichen, Farben, Bewegungen, Klänge, das Benehmen (der Beleg-, Mitglied-, Anhänger-, Mannschaften), Raum- und Zeitaufteilungen, das Erscheinungsbild in den Massenmedien. Stil signalisiert gleichzeitig, warum Menschen etwas tun: aus Langeweile, Pietät, gezwungenermaßen, aus purer Gewohnheit, interessiert oder begeistert, aus Gewinnsucht, aus Leidenschaft an der Sache, aus Liebe, weil sie etwas vorantreiben wollen, überzeugt oder zweifelnd. Aus dem Stil zieht der erfahrene Experte Rückschlüsse auf die Stärke der Bindungen, der Bekenntnisse zur Gestalt. Stil sagt nonverbal, was Sache ist.

Unverwechselbar

Stil erzeugt einen ganz typischen, unverwechselbaren Eindruck nach innen und außen. Schalke O4 ist nicht Borussia Dortmund, Hamburg nicht Bremen, die Heilsarmee nicht die Methodistenkirche, die Evangelischen Aspekte sind nicht die Lutherischen Monatshefte, die CDU ist nicht die CSU, Zuchthaus Stammheim nicht Zuchthaus Stadelheim, der Berliner Zoo nicht der Zürcher und das Pascal-Gymnasium nicht das Leibniz-Gymnasium. Auch der Stil birgt natürlich eine Geschichte: bei einer gerade erst gegründeten Familie wird noch um den gemeinsamen Stil in der Ehe gerungen. Ein Mehrjahrtausenddino wie Weihnachten saugt sogar die Koordinaten der Freizeit- und Konsumgesellschaft in sich ein.

Führung

Stil hat in hohem Maße mit Leitung und Lenkung, mit Hierarchien, mit Macht und Herrschaft zu tun. Laissez-faire führt zur Verwahrlosung und indiziert Auflösung der Gestalt. Es ist die Aufgabe einer guten Geschäftsführung – in weitestem Sinne verstanden – den Sinngehalt ihres Verbandes in Stil zu transformieren, das heißt in Handlungen, die bündnis- und leistungsunterstützend sind. Da sind knifflige Fragen zu entscheiden, etwa wieweit die Fanbegeisterung in den Bundesliga-Stadien tolerierbar ist, wann ein Museum Musikveranstaltungen durchführen darf. In den Kirchen gehört die Beteiligung der Laien an der Liturgie in die Stildebatte. In der Familie streitet man um die Aufteilung der Fernsehstunden. Die zumutbare Wartezeit für Kunden/Klienten/Patienten ist in Serviceunternehmen das Thema. Soll eine Stuttgarter Fabrik für Edelkarossen einen Kleinwagen auf den Markt bringen, eine landwirtschaftliche Kreditbank ins Investmentgeschäft einsteigen? Wie reagiert die Polizei auf Demonstrantengewalt?

Worauf es nun ankommt: All diese Entscheidungen dürfen nicht ad hoc, willkürlich, aus dem Bauch heraus gefällt werden. Sie müssen – wie jede andere Veränderung im Gestalthaushalt - aus dem einheitlichen, verstetigten Sinnprinzip heraus erfolgen. Mangel an Stimmigkeit mit ihm schafft Irritationen, krasse Stilverletzungen erzeugen kaum reparables Misstrauen. Die Love- Parade wird es nach Duisburg nicht mehr geben, UNICEF und Care brauchten Jahre, um einen Imageschaden zu beheben. Schwer leidet die katholische Kirche an Missbrauchsvorfällen. Stil besteht eben keinesfalls aus manierierten Äußerlichkeiten, sondern hängt mit dem Wesen einer sozialen Gestalt zusammen. Stilprobleme sind Existenzprobleme.

Grenze

Funktion und Aufgabe des Stils ist, genauer betrachtet, Grenzziehung. Das Spezifische, Einmalige einer Gestalt, ihre substanzielle Eigenart, der Eigen-Sinn, soll spürbar werden. Stil

baut eine unsichtbare Schranke auf, grenzt Gestalten voneinander ab. Merkst du, wir sind hier in Hessen und nicht am Niederrhein! Klingt ziemlich unpopulär in Zeiten, wo Grenzsteine verschwinden und "think global" proklamiert wird. Selbst aus Rom schallt es: "Fenster auf!". Das Ausspionieren von Banken und Staaten, die sich abschließen, genießt große Sympathien. Allerdings nur, solange es nicht die eigenen sind. Hand aufs Herz: wenn Sie jemand nach Hause eingeladen haben, bestimmt der Gast Uhrzeit, Speisezettel und Tischordnung? Der neue Mann im Skat-Club organisiert das nächste Turnier? Darf man im Kloster jodeln? Überlässt es der Rektor den Schülern, wann im deutschen Aufsatz Kommata zu setzen sind? Gehen Sie als armer Schlucker in den Rotaryclub? Im Gegenteil. Praktisch jede intakte soziale Gestalt kennt so etwas wie einen Inititationsritus, einen Ritterschlag, der den Erhalt des Stils sicherstellen soll: Aufnahmeantrag und –prüfung, Probezeit, Eintrittsgelder, vertragliche Regelungen, Beamteneid, Erwerb der Staatsbürgerschaft, Leumundszeugnis, Sprach- und Kücheneigentümlichkeiten, bis hin zu Taufe, Weihe und Mönchsgelübde. Kein Grund, sich darob zu entrüsten. So ist die soziale Natur: sie sucht sich in ihren wesentlichen Zügen zu wiederholen, in ihrer einzigartigen Individualität. Leben heißt Form! Dazu gehört ein prägnanter, durchaus exklusiver Stil.

Sollten sich je Hessen und Niederrhein zum Verwechseln ähnlich sein, wäre buchstäblich ihr Ende gekommen. Danach sieht es nicht danach aus. Nicht nur klimatisch. Sie bleiben Unikate, was gerade beider Anziehungskraft begründet, die sich selbstredend auch in Verwünschungen äußern kann ("wir fahren nie wieder dorthin").

Dass viele Menschen damit nicht zurechtkommen, steht auf einem anderen Blatt. Beim häufigem Kontakt mit verschiedenen Gestalten (der moderne Mensch steht nach Georg Simmel "im Schnittpunkt sozialer Kreise") gilt es, eine Vielzahl von Stilen kennenzulernen und zu beherrschen. Kein Wunder, dass immer wieder der sektiererische Rückzug ins eigene soziale Schrebergärtlein zu beobachten ist. Hier kennt man sich aus, ohne sich anstrengen zu müssen.

Versuchungen

Die große Gefahr für den Stil heißt Fremdorientierung. Die beliebte Suche nach "Zielgruppen". Die Parameter für den Stil werden (scheins) erfolgreichen oder zumindest attraktiven anderen Gestalten entnommen, in Kopie, Nachäffung, Nachahmung. Ein Anderer sein wollen, der man ist. Fassaden werden (oft marktschreierisch) aufgebaut und aufgebauscht, die Verstimmungen hinterlassen. Die Moden reißen ja nicht ab. Wenn der Arzt mit Dreitagebart herumrennt, seine Helferinnen wie Werbeträgerinnen der neuesten Kosmetik, berührt das nur peinlich, verschwindet mit der folgenden Mode.

Doch wie verhält es mit kirchlichen Einrichtungen, die massenhaft Yoga und andere asiatische Meditationstechniken anbieten, als ob sie die Volkshochschule oder ein Sportverein wären. Nicht mehr unverwechselbar Kirche. Für mich wird hier das Proprium der christlichen Religion - ihre heiligen Dinge - schon verletzt, der Stil unpassend. Gewiss, jede soziale Gestalt bedarf der Innovationen, doch müssen sie sich einigermaßen konsistent in die bisherige Gestaltkomposition einfügen, verwandt mit dem Herzstück sein – dem, was zusammen gewollt wird. 

Es tummeln sich freilich Mächte, denen kein Stil ausweichen kann: die Stile der Mega- Gestalten, die ganze Epochen prägen. Wie geistiger Nebel dringen sie durch die Ritzen der Gestaltgrenzen und ergreifen die involvierten Menschen. Historismus, Faschismus und Kommunismus sind vorbei, heute sind es Technik, Ökonomie, Ökologie, Humanität, Freiheit und Gleichheit. Eine immense Herausforderung für jedes Gestaltmanagement, den eigenen

Stil irgendwie zu bewahren, oder auch – im Fall massiver politischer Einmischungen – später zu ihm zurückzukehren. Denn Stil ist keine Nebensache.

Sieht man sich die Geschichte an, darf man, was das Überleben sozialer Gestalten angeht, optimistisch sein. Schauen Sie ins Vereinsregister einer Großstadt – die meisten Vereine gibt es seit hundert oder hundertfünfzig Jahren. Oder: Berlin bleibt doch Berlin. De Meenzer Fassenacht. 70 Jahre nach der Totalbombardierung quicklebendig: Die Freie und Hansestadt Hamburg. Das Judentum ist wieder da. Und die Monarchie erst! Sie tobt fröhlich über Millionen von Fernsehschirmen, sobald nur ein fürstlicher Säugling zu wimmern beginnt. Und die Familien versammeln sich dazu ums abendliche Lagerfeuer wie einst vor abertausend Jahren in ihren Höhlen. Soziale Gestalten sind geistige, schöpferische Sinnzusammenhänge, die sich von außen nicht so leicht zerstören lassen. Um so mehr von innen, durch Stil- und Gestaltschwächen.

Ökumene

Immer noch gibt es Leute, die sie als Fusion wünschen und erwarten – zügige Annäherung und dann Zusammenschmeißen. Eine Fusion von Gestalten, Stilen und Menschen. Solche Planspiele funktionieren nur im mechanistischen Denken, welches Gestalten für Maschinen hält und die über Jahrhunderte aggregierten und etablierten diversen Muster des christlichen Miteinander für verrostet, verkrustet, verrottet hält. Alte Maschinenteile, bequem gegen neue austauschbar. Tatsächlich sind sie aber Energie- und Vertrauensfonds aus menschlicher Aktivität, die über unendlich lange Zeitverläufe aufgebaut, reproduziert und angereichert wurden. Es nützt also wenig, wenn – beispielsweise - die einen ihre Heiligen weglassen, die anderen ihren Luther. Dabei wird man nur immer formloser. Das wäre kein Schritt in eine gemeinsame Zukunft, sondern der Auftakt zum gesichts- und gestaltlosen Niedergang. Man werfe einen Blick in die Wirtschaft: fast alle Fusionen enden mit Niveauverlust des vormals Stärkeren oder – wie etwa bei den Verbrauchermärkten - im No-name- Discounter. Noch gar nicht zu reden von den unendlichen Friktionen und Fluchtbewegungen bei den Anhängern der Kirchen und Konfessionen. Das II. Vaticanum zeigt bis heute, welche Erschütterungen Stilumbrüche zeitigen. Neue Besen kehren nur gut, wenn sie mit Augenmaß operieren.

Der gestaltsoziologische Vorschlag geht in eine andere Richtung. Es muss sich ein gänzlich neuer Stil über (klingt besser als "zwischen") den Konfessionen herausbilden, sich organisch entwickelnd – fast so etwas wie eine neue christliche Gestalt. Da sind wir bereits seit längerem auf einem sehr guten Weg.

05. Juni 2017


Rainer Waßner, Soziologe

Jahrgang 1944. Nach kfm. Lehre und Berufspraxis Studium der Sozial- und Wirtschaftswiss. in Hamburg (Dr. Phil. 1983). Seitdem Forschung und Lehre zu Themen der Kultur- und Religionssoziologie und zur Fachgeschichte (ca. 100 Publikationen). Editor in der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe.