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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft

Einführung

Lässt man den letzten Bundestagswahlkampf mit etwas Abstand Revue passieren, so fragt man sich, warum eigentlich Bildung ein Thema war. Nicht, dass sie nicht wichtig wäre oder nicht beklagenswert schlecht, aber sie fällt nicht in die Zuständigkeit des Bundes. Dennoch scheint es zunehmend aufzufallen, dass wir mit den politisch – ideologischen Ränkespielen um die Bildung unsere Zukunft verspielen. Wenn neuerdings beklagt wird, dass Grundschulen "Karrierekiller" seien, weil sie die Kinder nicht in ausreichendem Maße aufbewahren, so dass die Erwachsenen in Ruhe arbeiten können, wird deutlich, dass rein gar nichts verstanden wurde und Bildung und Erziehung neue Tiefstände erreichen werden.

 

Dies ist ernsthaft dramatisch.

Durch die beachtlichen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) werden zukünftig viele Arbeitsplätze schlicht weg fallen. Experten rechnen damit, dass in den nächsten 10 Jahren ungefähr die Hälfte aller heutigen Jobs nicht mehr gebraucht werden.

Für die übrig bleibenden Jobs sind ganz besondere Anforderungsprofile gefragt. Das sind nicht nur allgemein die MINT – Fächer, sondern auch hier speziell Menschen, die sich vertieft mit Robotik und KI auskennen. Außerdem benötigen wir sowohl handwerklich Geschickte wie auch Kreative, wobei kreativ in diesem Sinne rein gar nichts mit Musik, Kunst oder Literatur zu tun hat. Kreative Geister sehen und gehen neue Wege in der realen Welt, bauen neuartige Maschinen, erobern neue Welten – und sei es im All.

Dass der technische Fortschritt Arbeitsplätze kostet, wäre angesichts unserer demographischen Entwicklung eigentlich kein Problem, wenn die Bürger zukünftig hinreichend qualifiziert wären, den neuen Anforderungsprofilen zu genügen.

Demgegenüber belegen aber seit langem alle Daten, dass der Leistungsstand der deutschen Schüler und Studenten insgesamt schlecht ist, jedenfalls bei weitem zu niedrig für ein Land, das nur als führendes Industrieland überleben kann. Der Wissensstand der Schulabgänger in den wichtigen MINT – Fächern ist miserabel, er ist nachweislich von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Dieses lässt sich besonders gut an den Eingangstests der Universitäten in Mathematik ablesen, die als langjähriger Vergleichsstandards gut geeignet sind. Daraus ergibt sich, dass selbst Abiturienten mittlerweile oft elementares Basiswissen fehlt. Die mathematischen Vorkurse mussten deshalb verlängert und oft vereinfacht werden, die entsprechende Studiengänge ebenso.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Bildung war immerhin ein viel diskutiertes Thema, wenn auch fataler Weise ideologisch aufgeladen. Dass zur Bildung aber auch Erziehung gehört, wurde dabei weitgehend übersehen. Erziehung war das, was Mütter unsichtbar zu Hause leisteten. Nur wird diese kaum noch geleistet, beide Elternteile sollen ja arbeiten gehen. Mit Erziehung ist es jedoch wie mit Sauerstoff: Wenn vorhanden, sieht und merkt man nichts, der Mangel ist aber fatal. So hat kürzlich der erfahrene Kinderpsychiater Michael Winterhoff in einem Interview vor einem drohenden Notstand gewarnt:

"Immer mehr Heranwachsende sind nach Schulabschluss nicht im herkömmlichen Sinne arbeitsfähig. Es fehlt ihnen an Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit, Akzeptanz von Strukturen und Abläufen. Wenn das so weitergeht, steuern wir auf einen riesigen Fachkräftemangel zu – und die Situation, dass wir in ein paar Jahren jede Menge Menschen haben, die dem Staat auf der Tasche liegen."

Das hätte ihm der Arbeitgeberverband schon länger sagen können.

Winterhoff bemängelt außerdem, dass die Heranwachsenden nicht mehr die geringste Frustrationstoleranz hätten und eigene Bedürfnisse nicht mehr hinten anstellen könnten. Es würden in signifikantem Maße Narzissten heran gezogen. Den heutigen Erwachsenen spricht er die Erziehungsfähigkeit ab, sie könnten ihre Kinder nicht mehr anleiten, ihnen ein klares Gegenüber bilden, damit eine gelingende soziale und emotionale Entwicklung stattfinden könne. Er führt aus:

"Es gibt nun eben Eltern, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr das leisten können, was früher möglich war. Das hängt auch mit unserem veränderten Familienbild zusammen. Die Wirtschaft hat es sehr gefördert, dass Mütter früh wieder arbeiten gehen."

(https://www.welt.de/politik/deutschland/article169627332/Massenhaft-Schueler-ohne-Frustrationstoleranz.html)

Unsere  Kinder sind aber nicht nur intellektuell leistungsschwach und unerzogen, sie sind auch körperlich untüchtig. Aufgrund mangelnder Bewegung oft ergänzt durch schlechte Ernährung sind Übergewicht und motorische Störungen ein erhebliches Problem. Bleibende Schäden aufgrund der meist sitzenden Beschäftigung von klein auf an sind die schon jetzt absehbare Folge. Dass damit schon die Basisfähigkeit des Lernens eingeschränkt wird, scheint den meisten unbekannt.

Wie will man mit solch einem Nachwuchs die Zukunft meistern?
Die Antwort liegt auf der Hand:

Gar nicht.

Machen wir also weiter wie bisher, wird es schlimmer und nicht besser. Wir müssen andere Wege gehen. Welche, das kann man am besten aufzeigen, indem man die Wege der Vergangenheit nachzeichnet und aus diesen "real – life – experiments" lernt. Schließlich muss man nicht dieselben Fehler immer wieder machen, es gibt schließlich schöne funkelnagelneue.

Zunächst möchte ich aber schon einmal das Fazit vorweg nehmen und die Vorschläge aufzeigen, die sich aus dieser Analyse ergeben.

1. Vorschlag

Mehr Privatschulen, die freier als heutige private Schulen in der Art der Beschulung sind. Um allen Kindern und Eltern die freie Wahl zwischen staatlicher und privater Schule zu lassen, sollten vom jeweiligen Bundesland Bildungsgutscheine (wie in Schweden) vergeben werden, die nach eigener Wahl sowohl an öffentlichen wie auch an privaten Schulen eingelöst werden können. Dafür sollte sich auch die Wirtschaft stark machen.

Dabei sollte die Wirtschaft darüber nachdenken, ob nicht eigene Privatschulen ein Weg zur besseren Schulbildung sein könnten. Schließlich hat man seit Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, dass die Politik nicht imstande ist, für konstant gute Bildung zu sorgen.

Es ist ähnlich wie mit Grundnahrungsmitteln: Dort, wo der Staat für diese sorgt, z. B. für Brot, gibt es kein hochwertiges, preiswertes Angebot. Dort, wo der Einzelne die freie Auswahl hat, gibt es hingegen ein vielfältiges und bezahlbares Angebot guter Qualität.

2. Vorschlag

Einer der neuen Wege, die Privatschulen gehen könnten, wären Standardisierung und Individualisierung. Was ad hoc wie ein Widerspruch klingt, ist in Wahrheit eine Symbiose. So gibt es Bereiche, in denen Standards schlicht eingehalten werden müssen. Die Schreibrichtigkeit ist nicht disponibel, auch sind 3 + 3  immer gleich 6, auch wenn manche Lehrer meinen, dieses sei ebenso Verhandlungssache wie Rechtschreibung. Bisher ist es so, dass Lehrern die Wahl der Lehrmethode frei steht, je nach Bundesland auch zum Teil die Inhalte bzw. "Kompetenzen", die vermittelt werden sollen. Dieses hat sehr negative Auswirkungen auf das Lernergebnis, denn es hängt in hohem Maße von dem Zufall ab, welche Lehrkraft ein Kind bekommt. Insoweit müssen allgemein verbindliche und regelmäßig überprüfte Standards des Lehrens gelten.

Andererseits macht es in anderen Bereichen überhaupt keinen Sinn, Schüler zwangsweise zu beglücken. Nicht jeder ist musikalisch oder künstlerisch begabt, nicht jeder hält Textiles Gestalten für ein sinnvolles Fach, es muss auch nicht jeder können. Hier wäre ein auf das individuelle Begabungsprofil angepasster Unterricht von enormen Vorteil. Dann könnten die Schüler in dem Bereich, in dem sie talentiert und gut sind, schneller mehr lernen und leisten und die Bereiche, die ihnen nicht liegen – und die sie daher im späteren Leben meiden werden – links liegen lassen. Die Digitalisierung bietet enorme Möglichkeiten, Unterricht weit individueller zu gestalten, als es derzeit geschieht.

So werden z. B auch in der Medizin erhebliche Effizienzsteigerungen durch personalisierte Behandlungsmethoden erreicht.

Also einerseits Standards, welche jede Schule (!) einhalten muss, andererseits das Gegenteil der Gesamtschule, nämlich die individualisierte Schule. Nicht eine Schule für alle, sondern jedem Kind seine eigene Schule.

3. Vorschlag

Wir haben bisher die Methode "Erst Theorie, dann Praxis". Diese ist ineffektiv, denn die meisten Kinder lernen durch Handeln. Jeder, der selber einmal Kinder erlebt hat, weiß, dass sie probieren und nachmachen. Kein Kind sitzt da und hört sich an, wie etwas  theoretisch gemacht wird. Das bedeutet, der natürlich Weg des Kindes ist Tun. Der Kaufmannsladen z. B. ist ein wunderbares Mittel, unzählige Dinge zu lehren, von Rechnen bis Buchhaltung, Einkauf und Marketing.

Das führt zum nächsten Punkt, nämlich der Abgrenzung allgemeine und berufliche Bildung. Kinder lernen leichter, wenn sie wissen, wofür. Sie mögen es auch, gebraucht zu werden , sich wirksam zu fühlen (genau wie die Erwachsenen!). Es klingt schon abwegig, die Kinder aus dem normalen Leben heraus zu holen um sie auf eben dieses vorzubereiten. Warum gibt es nicht mehr berufspraktische Unterrichtsinhalte? Die Kinder würden nicht nur schneller lernen, sie würden auch mehr lernen, denn das informelle Lernen ist ein ganz wesentlicher, aber völlig vernachlässigter Grundpfeiler des Lernens. Das ist mittlerweile sogar dem Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgefallen (http://www.werkstatt-frankfurt.de/fileadmin/Frankfurter_Weg/Fachtagung/BMBF_Das_informelle_Lernen.pdf)

Sie würden dann nach Abschluss der Schule eher eine Vorstellung haben, was sie denn werden wollen, wenn sie "groß" sind. Bisher haben sie nicht die geringste Ahnung, denn sie haben überhaupt keine Entscheidungsgrundlage.

M. E. sollten dann auch nur die Leistungsbeurteilungen der berufsbezogenen Fächer beim späteren beruflichen Werdegang von Relevanz sein. Bisher schließen wir zu viele potentiellen Leistungsträger aus wegen schlechter Leistungen in für die Berufswahl irrelevanten Schulfächern.

4. Vorschlag

Nach dem Pisa – Schock waren alle ganz aufgeregt. Es wurde wild geforscht, die guten Ergebnisse Finnlands schienen für die Gesamtschule zu sprechen. Nur dass Singapurs Schüler ebenfalls dauerhaft gute Leistungen bringen mit einem differenzierten Schulsystem. Untersuchungen von McKinsey 2007 ergaben, dass das System nicht bedeutsam ist ("How the world's best – performing school systems come out on top", September 2007, Autoren: Michael Barber, Mona Mourshed).

Der entscheidende Faktor für gute Leistungen der Kinder seien gute Lehrer, die selbst hoch motiviert sind und nicht nur fachlich qualifiziert sondern insbesondere auch pädagogisch besonders ausgebildet und begabt sind. Dabei ist wichtig, dass an die Qualität und Qualifikation der Lehrkraft umso höhere Ansprüche gestellt werden, je jünger das Kind ist. Das ist naheliegend, denn je kleiner das Kind, desto mehr kann man "kaputt" machen oder umgekehrt wecken und lenken.

Gute, motivierte und motivierende Lehrkräfte sind mithin der ausschlaggebende Faktor. Wir bezeichnen Kindergärten mittlerweile als Teil des Bildungssystems, es soll sich um frühkindliche Bildung handeln.. Diesem Anspruch werden sie jedoch nicht gerecht, dafür fehlt es an entsprechend hochqualifzierte Lehrkräften. An den Grundschulen sieht es nicht viel besser aus.

Hier liegt also enormes Verbesserungspotential. Gute, inspirierende Lehrkräfte und zwar gerade auch bei den Kleinsten sind der Schlüssel zum Erfolg.

5. Vorschlag

Das Bildungssystem basiert auf einem Menschenbild, das schlichtweg überholt ist. Die Vorstellung, dass der Mensch ein durchweg rational Denkender und Handelnder ist, hat sich als Illusion erwiesen. Zwar können wir rational denken und entscheiden, es fällt uns aber schwer und oft handeln wir nach anderen Kriterien. Welchen, das hat die Verhaltensforschung und federführend die Verhaltensökonomie heraus gefunden, nicht zuletzt der aktuelle Nobelpreisträger Richard Thaler.

Daher war selbst die beste Bildung auch bei einem Kulturvolk wie dem deutschen ungeeignet, den Holocaust zu verhindern.

Heute wissen wir mehr, haben ein differenzierteres Menschenbild und dieses Wissen muss dringend Eingang finden in die Ausbildung unserer Schüler. Durch die modernen technischen Möglichkeiten ist das möglich, es können interaktive Szenarien durchgespielt und Verhalten in komplexen Systemen und Risikokompetenz (ähnlich wie bei einem Piloten im Simulator) eingeübt werden.

Wie ich zu diesen Vorschlägen komme, werden ich in weiteren Teilen erläutern.

30. Oktober 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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