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Annette Heinisch, RechtsanwÄLTIN

Fit für die Zukunft – Teil 6

"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum." Also sprach nicht etwa Zarathustra, sondern Goethe legte diese Worte Mephistopheles im "Faust. Der Tragödie erster Teil" in den Mund.

Diese Tragödie, die sich um die Frage dreht, ob ein vermeintlich edler Zweck jedes Mittel heiligt (vielleicht sollten manche Politiker sich mal intensiver mit Goethe befassen!), wurde zur selben Zeit geschrieben, zu der von Humboldt als Bildungsreformer tätig war. Wilhelm und Alexander von Humboldt waren mit Goethe und auch Schiller befreundet. Für diejenigen, die sich mit hypothetischer Geschichtsschreibung befassen, wäre es sicher spannend zu überlegen, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, hätten sie sich zu der Frage ausgetauscht, wie nutzbringend eine rein theoretische Bildung ist. Das passierte aber leider nicht, von Humboldt entschloss sich, der Theorie den Vorzug vor der Praxis zu geben. Dabei war ihm der Ausspruch Senecas "Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir" ("Ned vitae sed scholae discimus") bekannt. Seneca, der wohl der erste war, der für lebenslanges Lernen eintrat, kritisierte damit eine aus seiner Sicht zu wenig praxisorientierte Ausbildung.  Damit teilte er Goethes Ansicht, aber diese setzte sich nicht durch. Das Bildungsideal huldigte der Idee, das eines nach dem anderen käme, erst die Theorie, dann die Praxis. Auf den Gedanken, dass diese beiden Bereiche sich wechselwirkend ergänzen und verstärken könnten, kam von Humboldt nicht.

Bekanntlich hielt man sich in Preußen und den anderen deutschen Ländern nicht vollständig an die Pläne von Humboldts, sondern ging einen anderen Weg: Abgesehen davon, dass die Schule (anders als in vielen anderen Ländern) nur halbtags stattfand, gab es die duale Ausbildung. Nach der Volksschule, welche von den meisten besucht wurde, gab es eine spezielle berufliche Weiterbildung, die aus einer Mischung von beruflicher Praxis und theoretischem Unterricht bestand, bei dem neben der berufsfachlichen Ausbildung auch grundlegende Fächer wie Deutsch unterrichtet wurden. In deutschen Landen kamen nur die angehenden Akademiker in den Genuss einer rein theoretischen Ausbildung entsprechend dem Humboldtschen Bildungsideal. Ob dies einer der Faktoren für das wiederholte Versagen der Eliten ist, mag dahin stehen.

Dieser kleine aber feine Unterschied war jedenfalls einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren für Deutschland. Mit der Mischung aus Theorie und Praxis gelang es, breite Schichten gut bis sehr gut zu bilden und auszubilden, so dass sie eigenverantwortlich auch schwierige Aufgaben erledigen konnten.

Nun könnte man meinen, dieses Erfolgsmodell würde weiter geführt und sogar ausgeweitet, denn "never change a running system". Die Wirtschaft hat sich tatsächlich in diese Richtung bewegt, indem sie Duale Studiengänge förderte. Im Ausland wird die deutsche Berufsausbildung sehr gelobt und nachgeahmt. Bei uns geht jedoch der Trend in die entgegengesetzte Richtung hin zur Akademisierung. Bildung soll möglichst früh beginnen, möglichst komplett institutionalisiert fern des Elternhauses und des realen Lebens in einer Parallelwelt stattfinden. Als Ergebnis soll ein patenter Bürger und Mitarbeiter herauskommen, der lösungsorientiert, zielgerichtet und flexibel auch schwierigste Aufgaben schultert. Anders ausgedrückt: Er soll die Realität meistern, von der er nicht die geringste Ahnung hat.

Wenn man einfach mal in Ruhe darüber nachdenkt: Klingt das wirklich vernünftig?

Wie lernen wir Menschen denn überhaupt? Es wird oft vergessen, dass der entscheidende Grund, weshalb wir Menschen anderen Lebewesen so weit voraus sind, darin liegt, dass wir zwar mit allen Anlagen ausgestattet, aber dennoch sehr unfertig auf die Welt kommen. Aus diesem Grund sind wir von Natur aus mit einem maximalen Grad an Lernfähigkeit ausgestattet, was der evolutionäre Vorteil schlechthin ist. Vorausgesetzt natürlich, wir nutzen ihn. Unsere Intelligenz – quasi die Software des Systems – ist darauf ausgerichtet, erfolgreiche Verhaltensweisen zu adaptieren. Dabei sind die natürlichen Lernformen das Nachahmen, die Konditionierung und das beiläufige Lernen. Dass Kinder die Erwachsenen oder ältere Kinder nachahmen, ist allgemein bekannt. Bei Konditionierung denkt man unwillkürlich an Pawlow, es ist aber auch das blutige Knie, das man sich beim Fallen holt. Um dies zu vermeiden, lernt man immer besser laufen.

Das beiläufige Lernen ist ein Thema, welches erst in den letzten 20 Jahren in den Fokus rückte und bis heute noch nicht vollständig erforscht wurde. Derzeit wird vieles unter dem Stichwort "informelles Lernen" abgehandelt um es vom förmlichen schulischen Lernen zu unterscheiden. In der Sache geht es darum, was man als Nebeneffekt (also beiläufig) lernt, während man eigentlich etwas anderes macht. Durch die abgespeicherte Wahrnehmung verfügen wir alle unbewusst über umfangreiches Wissen. So lernen Kinder ohne jedes zielgerichtetes Verhalten ihre Muttersprache. Heute weiß man sogar, dass man ohne beiläufiges Lernen keine Sprache fließend spricht, nur zweckgerichtetes, "intellektuelles" Lernen reicht nicht aus. Tatsächlich lernen Kinder soziales Verhalten beiläufig durch Beobachtung, sie lernen viel über naturwissenschaftliche Zusammenhänge, die grobe Ordnung der Welt und das Erkennen von Mustern. Gerade Letzteres ist unglaublich wichtig, in der öffentlichen Diskussion wird es aber komplett vernachlässigt. Mustererkennung ist für die Erfassung von unübersichtlichen Situationen (z. B. im Straßenverkehr) ebenso wichtig wie von komplexen/interaktiven Strukturen, die sich linear nicht beschreiben lassen und für die unser bewusstes Denken zu langsam ist. Es ist genau der Bereich, in welchem Menschen Computern (noch) überlegen sind.

Die ersten sechs Lebensjahre lernen Kinder nur beiläufig, sie sind noch gar nicht fähig, einen zweckgerichteten und gesteuerten Lernprozess durchzuführen. Deshalb gehen sämtliche Bildungsutopien in Bezug auf zweckgerichtete, frühkindliche Bildung an der Realität vorbei. Kinder können aber nur dann beiläufig lernen, wenn es ein vielfältiges Angebot von nachahmenswerten Lebenssituationen gibt. Kinder benötigen zwar Gleichaltrige um mit ihnen im Spiel Situationen aus dem Leben nach zu spielen oder Phantasiewelten zu erobern, können von ihnen aber ebenso wenig lernen wie von dem reizarmen Umfeld eines Kindergartens oder einer Schule. Ohne gelebte Erfahrung durch äußere Anreize gibt es nichts, das sie spielerisch kopieren könnten. Kinder, die z. B. im Haushalt und Garten "helfen", von größeren Geschwistern lernen oder umgekehrt auf kleinere aufpassen müssen, wenn möglich auch den Eltern bei ihrer Arbeit zur Hand gehen (und ihnen dabei natürlich fürchterlich im Wege stehen), haben deutlich mehr Möglichkeiten, beiläufig die unterschiedlichsten Erfahrungen zu machen als Kinder, die ihre Tage in Betreuungseinrichtungen verbringen. Wer Kinder also weitgehend von der Wirklichkeit fern hält, der wird keine klugen und lebenstüchtigen Menschen heranziehen. Vielmehr benötigen Kinder das "Abenteuer Leben", das viele unterschiedliche "copy & paste" - Situationen bietet und den Freiraum, eigene Welten für sich zu entdecken, eigene Wege zu gehen. Nur so wird Kreativität und Eigeninitiative geweckt.

Praktisch heißt das: Wenn man möchte, dass Kinder tüchtige Ingenieure werden, dann lässt man sie nicht umfassend in Kindergärten betreuen und später auf Ganztagsschulen belehren, sondern man gibt ihnen viel Zeit und ganz viele verschiedene technische Geräte, die sie auseinander nehmen dürfen. Beim Zusammenbauen wird es schwierig, aber wenn ihnen jemand  zur Seite steht, der ihnen hin und wieder auf die Sprünge hilft, ihnen zeigt, wie etwas funktioniert und all die Fragen beantwortet, die aus ihnen heraussprudeln, dann lernen sie sehr viel intensiver. Denn das ist die Art, wie Kinder wirklich lernen, durch sehen, anfassen, nachahmen und selber machen. Wird ihnen anschließend die Mathematik dahinter erklärt, so fällt sie ihnen leicht, denn sie begreifen, worum es geht. So bekommen sie mehr als nur Wissen, nämlich ein tiefgreifendes Verständnis gepaart mit echter Handlungskompetenz. Dies ist genau das, was die Bildung und Ausbildung mit Praxisbezug auszeichnet und warum sie zu besseren Ergebnissen führt.

Das heißt natürlich nicht, dass man den formellen Schulunterricht ganz abschaffen sollte, man müsste ihn nur ändern und den Umfang begrenzen, den Kindern Freiräume lassen. Im formellen Unterricht wird das Wissen weitergegeben, das die Menschheit bisher angesammelt hat. Jedenfalls war das früher die Aufgabe der Schule. Heute sind Bücher nicht mehr rar, Wissen ist relativ einfach zu erlangen und das Wissen so groß, dass niemand mehr alles oder auch nur vieles wissen kann. Hier gilt es, eine Auswahl zu treffen, wobei sicherlich die Schwerpunkte dort gewählt werden sollten, wo das Kind seine speziellen Neigungen hat. Wissen bleibt nur durch permanente Nutzung abrufbar erhalten, den Rest sortiert das Gehirn ohnehin aus: es vergisst. Das verbreitete "Bulimie – Lernen" (man stopft etwas in sich hinein, "spuckt" es in der Klassenarbeit aus und weg ist es) ist also ineffektive Zeitverschwendung.

Generell kann man sich verschiedene Modelle vorstellen, wie eine praxisnähere Bildung erfolgen könnte. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund des Erfordernis des lebenslangen Lernens. Es ist weder notwendig noch hinreichend, die ersten 25 Jahre seines Lebens zu lernen und später allenfalls noch einmal mehr oder minder nutzbringende Fortbildungen zu besuchen. Wir alle müssen uns grundlegend umstellen, das bedeutet aber auch, dass die Lerneinheiten über das Leben verteilt werden müssen und vieles nutzbringender zu einem späteren Zeitpunkt gelernt werden kann. So haben Kinder z. B. ein ganz anderes Zeitgefühl als Erwachsene mit der Folge, dass sie Geschichte in der Schule zwar auswendig lernen, aber wenig Zugang dazu haben.  Ähnliches gilt für viele Werke der Weltliteratur, deren Verständnis eine gewisse Reife voraussetzt.

Kurz gesagt: Kinder sollten mehr Freiräume zur Entfaltung haben, weniger Zeit in lebensfremden Parallelwelten verbringen und Schulen einen höheren auch und gerade berufspraktischem Bezug erhalten, so dass die Kinder wissen, wofür sie etwas lernen. So bekämen wir die tüchtigen und kreativem  Persönlichkeiten, die wir so dringend benötigen.

11. Dezember 2017


Annette Heinisch

Annette Heinisch. Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg, Schwerpunkt: Internationales Bank - und Währungsrecht und Finanzverfassungsrecht. Seit 1991 als Rechtsanwältin sowie als Beraterin von Entscheidungsträgern vornehmlich im Bereich der KMU tätig.

 
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