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Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim DAV

Die Energiefrage - #15
Wann ist Radioaktivität ein Grund zur Sorge?

Wenn man in den 1970er-Jahren aufgewachsen ist, kennt man Radioaktivität nur in Verbindung mit der Angst vor ihr.  Wir wuchsen auf in einem Bedrohungsszenario, wo gesagt wurde, dass jedwede Radioaktivität schädlich sei.  Doch neuere Studien können nachweisen, dass geringe Dosisleistungen an Radioaktivität vor Krebs schützen, also das genaue Gegenteil. Wir stellen heute eine Meta-Studie der US-amerikanischen Autoren Sacks, Meyerson und Siegel(1) vor, die das Potential hat, uns etwas optimistischer in die Zukunft blicken zu lassen.

Das Modell, auf dem die heutigen Strahlenschutzvorschriften beruhen, ist die These, dass Radioaktivität immer schädlich sei und dass es einen linearen Zusammenhang zwischen Dosis und Schadenshäufigkeit gebe.  Also in etwa: doppelte Dosis an radioaktiver Strahlung verursacht doppelt so viele Krebstote.  Auf Arzneimittel bezogen, würde das bedeuten, dass man einen Toten erwarten müsste, wenn unter 100 Menschen einer 100 Aspirintabletten schluckte (eine wohl tödliche Dosis) oder dass wenn 100 Personen jeweils eine schluckten, eine davon eine tödliche Krankheit entwickelte.  Etwas allgemeiner gesprochen gibt es für so gut wie alles in der Natur bis zu drei verschiedene Mengen von etwas: zu wenig, genau richtig und zu viel.  Das gilt für Arzneimittel, Wein, Sauerstoff, Sonnenstrahlung, Vitamine und vielleicht sogar Angst, aber gilt es auch für Radioaktivität?

Die Autoren der US-Studie bestreiten nicht, dass Zellschäden linear mit der Intensität von Radioaktivität verknüpft sind, zeigen aber auf Basis mehrerer Laborstudien auf, dass die Evolution uns zahlreiche Mechanismen mitgegeben hat, um Zellschäden aus Radioaktivität zu reparieren:

  • Erhöhte Produktion von Reparaturenzymen für den Zellkern;
  • Langsamere Zellteilung, um den Reparaturenzymen mehr Zeit zu geben;
  • Einleitung eines Zelltods, wenn Schäden irreparabel sind;
  • Erhöhte Produktion von Antioxidantien;
  • "Ermordung" geschädigter Zelle durch Nachbarzellen;
  • Ausschaltung geschädigter Zelle durch das Immunsystem.

Da sich die ersten Zellen vor Jahrmilliarden entwickelt haben, als die natürliche Radioaktivität noch viel höher war als heute, erscheint es plausibel, dass Mutter Natur uns Reparaturmechanismen mitgegeben hat, schlichtweg weil wir ohne sie nicht bis heute überlebt hätten.  Ein weiteres biologisches Argument ist, dass die Erbgutstränge täglich mehr als 10.000 Schädigungen durch Sauerstoffradikale ausgesetzt sind, Radioaktivität aber selbst bei weit überdurchschnittlicher Belastung nur einige Dutzend Schäden am Erbgut anrichtet, also weniger als ein Prozent dessen.  Die These der Autoren ist nun, dass eine geringe Radioaktivität die Reparaturmechanismen am Erbgut anregt und dadurch den Organismus vor Krebs schützt, ähnlich wie viele Pflanzengifte in geringer Dosis eine Heilwirkung entfalten und als Arzneimittel eingesetzt werden (sog. Hormesis).

Wie ist nun die empirische Studienlage?  Es gibt tausende von Studien, deren Anspruch es ist, die Wirkung von Radioaktivität auf die Volksgesundheit zu untersuchen.  Etliche davon werden von Sacks et al. zitiert.  In den frühen 1990er Jahren untersuchte beispielsweise ein Physiker der Universität von Pittsburgh, Bernhard Cohen, wie sich die natürlich vorkommenden Radon-Konzentrationen in US-Haushalten auf die Häufigkeit von Lungenkrebs auswirkte.  Dazu untersuchte er die Krebsregister in 1.700 Landkreisen (Counties) in 48 Staaten der USA und verglich sie mit der jeweils bekannten Radon-Konzentration.  Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Radon eine wichtige Ursache für Lungenkrebs sei.  Zu seiner Verblüffung fand er, dass es zwar einen Zusammenhang zwischen Radonkonzentration und Lungenkrebs-Häufigkeit gab, aber genau umgekehrt als erwartet.  In Landkreisen mit höherer Radon-Konzentration erkrankten weniger Menschen an Lungenkrebs als in Landkreisen mit niedrigerer Radon-Konzentration.  Zunächst nahm Cohen an, dass er weitere Variablen übersehen hatte, und mit einem befreundeten Statistiker analysierte er mehr als 500 verschiedene andere Faktoren und Kombinationen davon auf die Lungenkrebshäufigkeit.  Keiner der Faktoren konnte das Ergebnis erklären, und so blieb Cohen keine andere Möglichkeit, als Radon selbst als Ursache für die geringere Krebshäufigkeit anzuerkennen(2)

Sacks et al. verweisen in ihrem Artikel auf die bekannten Radon-Stollen hin, in denen jährlich Tausende von Menschen zur Kur gehen und sich Heilungserfolge erwarten.  Auch zeigen sich in Regionen wie Ramsar / Iran mit bis zu hundertfacher natürlicher Radioaktivität im Verhältnis zu den USA keine erhöhten Krebsraten(3).  Im stärksten Teil ihres Artikels werten sie Studien aus, die die angebliche Gültigkeit eines linearen Wirkzusammenhangs zwischen Radioaktivität und Krebshäufigkeit behaupten.  Sacks et al. zeigen in detaillierter Diskussion, dass diese Studien auf Zirkelschlüssen, unzureichenden mathematischen Kenntnissen und nicht belegten impliziten Annahmen beruhen.  Teilweise zeigten diese Studien sogar einen Nutzen von geringen Dosen an Radioaktivität, den die jeweiligen Autoren übersehen hätten.

Es sieht also ganz danach aus, dass auch Dosen an Radioaktivität, die noch wesentlich höher als die natürlich vorkommende Strahlen-"Belastung" sind, einen positiven Effekt auf Natur und Mensch haben, entgegen unseres bisherigen Glaubens.  Dosisleistungen, die so hoch sind, dass sie gesundheitliche Schäden anrichten, kommen in der Natur gar nicht und nur nach Atombombenabwürfen und kerntechnischen Unfällen vor.  Eine Angst weniger, könnte man sagen, und Anlass genug, unser Vokabular im Hinblick auf Radioaktivität zu überprüfen und wieder häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen mit Röntgengeräten zu gehen.

Nachwort in eigener Sache

Weil dieser Beitrag in einer energiewirtschaftlichen Kolumne steht, könnte man fälschlicherweise auf den Gedanken kommen, dass damit die derzeitige Kerntechnik verteidigt werden soll.  Dem ist nicht so.  Siedewasserreaktoren heutiger Bauart kranken gleich an mehreren Problemen, die sie für die Stromerzeugung eigentlich ungeeignet machen.  Erstens ist der genutzte Prozess der Kernspaltung nicht inhärent sicher, es kann zu einer unkontrollierten Kernschmelze kommen.  Zweitens, und in Folge der Notwendigkeit immer strengerer Sicherungsmaßnahmen zur Vermeidung einer Kernschmelze, werden Kernkraftwerke immer teurer und damit unwirtschaftlich, wie derzeit die Neubauprojekte in Großbritannien, Finnland und den USA zeigen.  Drittens ist es gesellschaftlich und ethisch nicht akzeptabel, Müll für tausende Generationen zu hinterlassen, die darauf in aller Zukunft aufpassen müssen.  Da dies, viertens, für 100.000 Jahre und mehr auch Energie kostet, ist es zudem unsicher, dass die Kernkraftwerke in ihrer Lebenszeit überhaupt mehr Energie produzieren, als langfristig für Bau, Betrieb, Rückbau und Endlagerung des Atommülls aufgewendet werden muss.  Und zu guter Letzt ist die staatliche Übernahme des Havarierisikos eine Subventionierung, die wir ja auch bei anderen Energietechnologien ablehnen.  Angesichts dieser Problematiken ist es überraschend, dass die Siedewasserreaktoren vor 60 Jahren so begeistert begrüßt wurden.

(1) Bill Sacks, Gregory Meyerson und Jeffry A. Siegel, "Epidemiology without biology …", Biological Theory (2016) 11, pp. 69 – 101.

(2) Cohen BL (1995), Test of the linear-no threshold theory of radiation carcinogenesis for inhaled radon decay products, Health Phys 68(2): 157 – 174; Cohen BL (2008), "The linear no-threshold theory of radiation carcinogenesis should be rejected", J Am Phys Surg 13(3), pp. 70 – 76.

(3) Dobrzynski L, Fornalski KW, Feinendegen LE (2015), Cancer mortality among people living in areas with various levels of natural background radiation. Dose–Response, doi:10.1177/ 1559325815592391

03. April 2017

Dr. Björn Peters

Dr. Björn Peters ist Gründer der
Unternehmens- und Politikberatung
"peters – Continental Commodity Consulting"

Dr. Björn Peters ist Analyst und beschäftigt sich
seit vielen Jahren mit dem Thema "Energiewende"
unter wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten