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Die Energiefrage

 
 
     
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage - #40
Weiterentwicklung des EEG

Die Gründungswehen der neuen Bundesregierung sind Thema in allen Medien. Noch ist unklar, ob die Gemeinsamkeiten zwischen den jamaikanischen Verhandlungspartnern ausreichen für eine Koalition. Da die FDP das EEG gleich abschaffen möchte, die grüneren Politiker auch aus der Union dies wohl aber nicht zulassen werden, denken wir heute als denkbare Kompromisslinie über eine Fortentwicklung des EEG nach hin zu einer immer stärkeren Markteinbindung der Nutzung von Umgebungsenergie.

Wiederholt haben wir an dieser Stelle berichtet, dass die Nutzung der Umgebungsenergie nicht das Potential hat, um die chemischen Energieträger wie Kohle, Öl und Gas abzulösen, zumindest, sofern kein wissenschaftlich-technisches Wunder geschieht.  Die einen Umgebungsenergien wie Biomassenutzung und Geothermie reichen in der Summe nicht aus, die wetterabhängigen von ihnen wie Wind- und Solarenergie stehen nicht hinreichend stetig zur Verfügung.  Und Technologien zum Ausgleich der starken Schwankungen des Wetters sind noch nicht einmal mit den leistungsstärksten Technologie-Fernrohren zu erkennen.  Denn heutige Batterie- und andere Speichertechnologien sind so unterentwickelt, dass deren großtechnische Anwendung die Energiekosten des Landes vervielfachen würden.

Mit der einseitigen Förderung der Nutzung von Umgebungsenergien, so wie sie mit dem EEG seit dem Jahr 2000 zur Überwindung der chemischen Energieträger eingeführt wurde, sind wir mitten in der Sackgasse.  Mehr und mehr dringt dies auch zu den politischen Entscheidungsträgern durch.  Nur ist es nicht einfach, eine Vollbremsung hinzulegen, wenn ein Supertanker einmal volle Fahrt aufgenommen hat.  Das Steuerruder nur ein wenig herumzudrehen, um im Bilde zu bleiben, könnte wirkungsvoller sein, um nach langer Kurve eine andere Richtung zu erreichen.  Und dies bedeutet in unserem Fall, das EEG als zweitbeste Lösung zu reformieren statt es abzuschaffen.  Ziel muss sein, die Nutzung von Umgebungsenergie Schritt für Schritt technologieoffener zu fördern, sie stärker in Marktmechanismen am Strommarkt einzubinden und sie mehr für die Versorgungssicherheit im Stromnetz verantwortlich zu machen.  Drei Möglichkeiten der Fortentwicklung des EEG hin zu Technologieoffenheit, Marktintegration und Systemverantwortung werden diskutiert.

Seit dem EEG 2017 steht der Einspeisetarif, den ein Anbieter von Strom aus Umgebungsenergie erhält, nicht mehr im Gesetzblatt, sondern wird im Rahmen von Auktionen festgesetzt.  Die Projektentwickler bieten an den Auktionen mit, und die günstigsten Anbieter erhalten mit ihrem Angebotspreis den Zuschlag, der dann für 20 Jahre der für sie geltende Einspeisetarif ist.  Die erste Fortentwicklung des EEG 2017 wäre, im Rahmen der Auktionen statt eines Einspeisetarifs einen Zuschlag auf den Marktpreis ("Marktprämie") festzusetzen.  Die Anbieter von Strom aus Umgebungsenergie würden als ihren Strom am Markt verkaufen und zusätzlich eine für 20 Jahre festgelegte Marktprämie erhalten.  Sie müssten dann abschätzen, wie sich der Strompreis in Zukunft entwickeln wird, und welche Prämie sie auf den Großhandelspreis von Strom benötigen, um ihr Kraftwerksprojekt profitabel betreiben zu können.  Immerhin sind zwei Offshore-Wind-Projekte ja bereits mit einem Einspeisetarif von Null vergeben worden.  Die Projektierer rechnen sich also aus, ganz ohne staatliche Förderung mit den Marktpreisen für Strom wirtschaften zu können.  Derjenige Projektierer, der seine Verkaufserlöse höher abschätzt, wird um eine geringere feste Förderung ansuchen als ein weniger findiger Projektierer.  Das Verfahren zwingt also Projektierer, sich Abnehmer für ihren Strom zu suchen, die bereit sind, mehr als der Markt zu bezahlen – eine heilsame Fortentwicklung der Geschäftsmodelle hin zur Professionalisierung gerade von Wind- und Solarkraftwerksbetreibern.

Zweitens könnten die Auktionen, die im EEG 2017 verankert sind, so formuliert werden, dass alle Technologien zur Nutzung von Umgebungsenergien an der gleichen Auktion teilnähmen.  Es würde dann also nicht nur der günstigste Anbieter beispielsweise von Windstrom an einem bestimmten Standort den Zuschlag erhalten, sondern die Technologien zur Nutzung von Umgebungsenergie würden gegeneinander in einen Wettbewerb treten, welche von ihnen am kostengünstigsten Strom erzeugen können.  Dies ist dringend notwendig, um die Kosten der Stromerzeugung langfristig abzusenken.  Auch wäre es konsistent mit dem bislang erfolgreich verfolgten Pfad, durch den Ausbau von "erneuerbaren" Energieträgern diese zu verbilligen.  Deutschland war mit seiner Energiepolitik hierin erfolgreich:  Solar- und Windkraftwerke sind vor allem dank unserer Subventionsmilliarden deutlich günstiger herzustellen als noch vor zehn Jahren.  Und es gibt auf allen energiewirtschaftlichen Konferenzen prominente Redner, die behaupten, dass der Solar- und Windenergie die Zukunft gehöre, alleine weil diese die günstigsten Stromerzeugungstechnologien seien oder werden würden.  Dass dies nur in denjenigen Stunden stimmt, in denen die Sonne tatsächlich scheint bzw. der Wind weht, wird dabei übersehen, aber das sei hier nur eine Randnotiz.

Drittens sollten die Umgebungsenergien alsbald in die Verantwortung für die Versorgungssicherheit ("Systemverantwortung") genommen werden.  Dies könnte erreicht werden, indem nicht Kraftwerkskapazitäten auktioniert würden (also etwa 10 MW an installierten Solarkraftwerken), sondern Energiemengen.  Gegenstand der Auktion wäre dann, beispielsweise 10 GWh Strom zu liefern und dabei zu jeder Zeit mindestens 5 Megawatt an Leistung zur Verfügung stellen zu können.  Die Projektentwickler müssten sich also überlegen, woher sie jederzeit 5 MW herbekommen könnten, und vielleicht Biogasanlagen mit Gasspeichern in ihr Projekt aufnehmen.  Das wäre die beste Strategie, um die Kreativität des Marktes zu beflügeln bei der Systemintegration der "Erneuerbaren".  Heute dagegen leben Wind- und Solarstromerzeuger gegenüber den Betreibern von regelbaren Kraftwerken auf deren Kosten, ohne ihnen etwas zurückzugeben.  Denn die kostenträchtige Aufgabe, die Stromproduktion in jeder Sekunde an die Nachfrage anzupassen und die Versorgungslücken der Umgebungsenergien zu schließen, verbleibt bei den traditionellen Stadtwerken und Energieversorgern.  In der Biologie wird dies als die Lebensweise von Parasiten bezeichnet.  Es wird dagegen Zeit, dass die verschiedenen Stromanbieter gegenseitig in Symbiose treten.  Die Verauktionierung von stetig einzuspeisenden Energiemengen wäre der richtige Schritt hierfür.

Mit diesen drei Verfahren könnten die im EEG 2017 vorgesehenen Auktionen weiterentwickelt werden.  Die Projektierer und Betreiber gerade von Wind- und Solarkraftwerken würden schrittweise und dosiert an eine Existenz mit Marktrisiken herangeführt werden, denen jeder andere private Unternehmer ausgesetzt ist.  Auch würden endlich Marktanreize für die Entwicklung Technologien gesetzt werden, mit denen die Flexibilität von Nachfrage- oder Angebotsseite erhöht wird, um auch unter schwankenden Wettereinflüssen den Lastausgleich zu bewerkstelligen.  Insbesondere Speichertechnologien würden hiervon profitieren.

Die Kinderstube für die "Erneuerbaren" wäre mit den hier vorgestellten drei Verfahren zu Recht vorbei.  Sollten Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt werden, die die Umgebungsenergien im Markt langfristig überleben lassen, dann sollen sie auch zukünftig eine Rolle bei der Stromversorgung spielen.  Hierüber zu entscheiden ist aber nicht Sache der Politik, sondern des Marktes.

 

 

30. Oktober 2017

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.