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Die Energiefrage

 
 
 
 
 

Prof. Martin Schlumpf

Die Energiefrage - #43
Traurige Bilanz der Klimapolitik

In der Berichterstattung über die 23. UNO-Klimakonferenz wird viel über Prozesse der Konsensfindung und Verhandlungstaktiken geschrieben. Was aber fehlt ist ein Faktencheck: Wie erfolgreich sind die Bemühungen der UNO seit der ersten Konferenz in Rio 1992? Leider nicht sehr.

Das Kernthema der gesamten Klimapolitik ist die Dekarbonisierung, also der geforderte Ausstieg aus den fossilen Energien. Er soll eine Klimakatastrophe verhindern. Die erste Frage lautet deshalb: Wie sieht das Verhältnis von fossiler zu nicht fossiler Energie heute aus, und wie hat es sich in letzter Zeit entwickelt? Selbstverständlich muss man dabei den gesamten Weltenergieverbrauch ins Auge fassen. Im Jahr 2015 war dieses Verhältnis nach BP-Statistik 14 Prozent nicht fossil zu 86 Prozent fossil.

25 Jahre früher, zu Beginn der UNO-Klimakonferenzen, betrug der nicht fossile Anteil 12 Prozent. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts mit 22 Klimakonferenzen konnte der Anteil von Kohle, Öl und Gas weltweit also nur von 88 auf 86 Prozent gesenkt werden. Das zeigt einerseits, wie langsam das Tempo der Veränderung in Richtung Zukunft ohne Fossile bisher war. Und andrerseits folgt aus der Tatsache, dass heute erst 14 Prozent des Weltenergieverbrauchs aus nicht fossilen Quellen stammen, wie weit wir immer noch von einem aus Klimaschutzgründen geforderten Ziel von mindestens 90 Prozent entfernt sind.

Die Ernüchterung steigert sich noch, wenn wir diese 14 Prozent genauer unter die Lupe nehmen. Sie setzen sich aus 7 Prozent Wasserkraft, 4,5 Prozent Kernkraft und 2,5 Prozent übrige Erneuerbare zusammen. Da die Wasserkraft schon seit über 100 Jahren verwendet wird und die Kernkraft höchst umstritten ist, setzen die meisten Umweltschützer ihre Hoffnungen in den raschen Ausbau der neuen Erneuerbaren: Biomasse, Wind und Sonne.

So stößt man in den Medien immer wieder auf Meldungen, die von hohen Zuwachsraten bei Wind und Sonne berichten, die es in einzelnen Ländern auch tatsächlich gibt. Für das Gesamtbild sind sie aber oft irreführend, weil auch beträchtliche prozentuale Zunahmen von geringen Ausgangsmengen noch nichts Großes ergeben. Oft geht es auch nur um installierte Leistung und nicht um realen Ertrag.

Die zweite Frage lautet deshalb: Wie groß ist der Ausbau der fossilen Energieträger in den letzten 25 Jahren in absoluten Zahlen, verglichen mit demjenigen der neuen Erneuerbaren? Wiederum laut BP-Statistik betrug im Jahr 2015 der Mehrverbrauch von Kohle, Öl und Gas gegenüber 1990 4.089 Millionen Tonnen Öläquivalent, die neuen Erneuerbaren verzeichneten einen Zuwachs von 340 Millionen Tonnen. Mit andern Worten: In dieser Zeitspanne ist der Verbrauch fossiler Energieträger 12-mal mehr gestiegen als derjenige der neuen Erneuerbaren.

Trotz 25 Jahren UNO-Klimapolitik sind noch immer 86 Prozent der Weltenergie fossil, dieser Anteil hat sich kaum verändert. Und die neuen Erneuerbaren, die gut 2 Prozent beitragen, sind in dieser Zeit 12-mal weniger ausgebaut worden als die Fossilen. Diese Zahlen zeigen, wie sehr unser heutiger Wohlstand noch immer ganz entscheidend von fossilen Energiequellen abhängig ist. Und wenn man bedenkt, dass in Indien der Pro-Kopf-Energieverbrauch heute noch vergleichsweise niedrig ist, von Sub-Sahara Afrika gar nicht zu sprechen, so wird rasch klar, dass der Weg in eine Zukunft ohne fossile Energie noch für mehrere Jahrzehnte eine gewaltige Herausforderung darstellen wird. Es erstaunt deshalb nicht, dass viele Kommentatoren und Klimaaktivisten diese unangenehmen Tatsachen lieber verschweigen.

 

20. November 2017

Prof. Martin Schlumpf

Martin Schlumpf ist emeritierter Professor für Musiktheorie an der Zürcher Hochschule der Künste, dort auch langjähriger Präsident der Hochschulversammlung und als Komponist mit eigener Konzertreihe aktiv. Daneben vielfältiges Interesse an naturwissenschaftlichen und philosophischen Themen mit eigenem Blog >>www.schlumpf-argumente.ch<<. Autor beim Carnot-Cournot-Netzwerk.