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Die Energiefrage

 
 
     
 

Dr. BjÖrn Peters

Die Energiefrage - #48
Buchbesprechung
"Technik und Wirtschaft im Dritten Reich"

Im Jahr 1932 veröffentlichte der aus Bad Camberg stammende, angesehene Ingenieur Franz Lawaczeck in der "National-Sozialistischen Bibliothek" ein erfolgreiches Büchlein, in dem er umfangreiche Vorschläge zur Arbeitsbeschaffung vorlegte. Weil in diesem Band viele Grundsteine der sog. "Energiewende" gelegt wurden, ist er auch heute noch einer Betrachtung wert.

Franz Lawaczeck (1880 – 1969) war ein tüchtiger Ingenieur.  Direkt nach seiner Promotion im Jahr 1906 über den Dampf-getriebenen Antrieb einer Ankerwinde ging er für ein Jahr in die USA.  Dort entwickelte er eine Methode zum Ausbalancieren von rotierenden Maschinen, die jahrzehntelang der technische Standard für diese Aufgabe war.  Sein Name ist auch verbunden mit einer Wasserkraft-Turbine, die seinen Namen trägt, sich aber nicht gegen die deutlich bessere Kaplan-Turbine durchsetzen konnte.  Nach mehreren Stationen als Entwickler in innovativen Unternehmen wurde er 1934 zum Professor für Hydraulik an der Danziger Universität berufen.  Lawaczeck war zudem ein überzeugter National-Sozialist und mit dem NS-Ideologen Gottfried Feder eng verbunden.  Neben mehreren Fachbüchern über Waagen, Hydraulik und Wasserkraft ist von Lawaczeck ein Band "Technik und Wirtschaft im Dritten Reich – ein Arbeitsbeschaffungsprogramm" (1) erhalten, das in dritter Auflage auch elektronisch vorliegt.  In dessen Entstehungszeit fällt die Weltwirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit.  Lawaczeck entwickelte zunächst seine Gedanken von einer ingenieursmäßig geplanten Wirtschaftsform, die die Bedeutung des Landwirts für die Volkswirtschaft betonte.  Handel und Großindustrie lehnte er ab, stattdessen sollten Waren dezentral in wettbewerbsfähigen Kleinbetrieben erzeugt werden, mit möglichst vielen Arbeitskräften also.  Der Schlüssel hierzu liefert für Lawaczeck preisgünstige Energie.  Hierfür entwickelte er die Grundzüge einer Wasserstoffwirtschaft "aus Überschussstrom" (S. 11) – ein Gedanke, der damals genauso falsch war wie heute.

Ein Kapitel von 18 Seiten ist mit "Umwälzungen in der Energiewirtschaft" überschrieben, und hier wollen wir die Analyse des Büchleins beginnen.  Zunächst errechnete Lawaczeck den Energiebedarf der Haushalte (ohne Industrie und Verkehr) auf 30 TWh (Milliarden Kilowattstunden) für Licht und 370 TWh für Kochen und Wärme (S. 49).  Diesen Bedarf wollte er durch Wasser, Wind und Kohle decken.  Gleich eingangs brachte er einige Mythen ein, die bis heute überall dort fortbestehen, wo nicht richtig nachgerechnet wird.  Er sagte: Wasser und Wind "werden von Natur unmittelbar ausnutzbar kostenlos geboten".  Damals seien weniger als 5% der ausnutzbaren Ressourcen für Wasserkraft ausgebaut gewesen S. 50).  Als Nachteil der Wasserkraft gegenüber von Kohlekraftwerken erkannte Lawaczeck die etwa 2-4-fach höheren Herstellungskosten, und es seien die hohen auf das Investitionskapital zu zahlenden Zinsen, die die Wasserkraft unrentabel machten.  (Seine Aussage von der kostenlosen Ausnutzung relativierte er dadurch, ohne den Widerspruch selbst zu bemerken.)

Für die Verteilung des Stroms aus Kraftwerken sah er bei Wechselstrom-Hochspannungsleitungen bereits ein Optimum erreicht.  Kosteneffizienter sei es, auf Gleichstrom-Leitungen zu setzen (S. 52).  Wegen der signifikanten Stromverteilungskosten setzte er daher auf dezentrale Stromversorgung mit "kleinen, selbständigen Gemeindewerken", die mehr Arbeitsplätze schafften.

Um preisgünstigen Strom herzustellen, müssten also die Anlagekosten vermindert, der "Ausnützungsgrad" (2) erhöht, die Verteilungskosten vermindert, die Wasserkraft stärker ausgebaut und durch Windkraft ergänzt werden.  Dieser letzte Punkt ist für damalige Verhältnisse reichlich visionär, denn die Probleme der Windkraft hat auch Lawaczeck klar beschrieben:  Deren Unstetigkeit und die mangelnde zeitliche Übereinstimmung der Windstromproduktion mit den vor- und nachmittäglichen Bedarfsspitzen.  Als Lösung setzte Lawaczeck auf Windkraftanlagen von 1.000 Kilowatt und mehr – für damalige Verhältnisse ist das riesig – und darauf, den nicht zeitgerecht erzeugten Strom zwischenzuspeichern.  Ihm war wohl bewusst, dass die damaligen Pumpspeicherkraftwerke hierfür viel zu klein waren.  Stattdessen schlug Lawaczeck vor, mit überschüssiger elektrischer Energie über Druckelektrolyse Wasserstoff zu erzeugen und mit einem flächendeckenden Leitungsnetz aus Stahlrohren mit 3 mm Innendurchmesser zu den Verbrauchern zu bringen.  An Wiederverstromung des Wasserstoffs dachte er nicht, sondern mehr an folgende Einsatzzwecke (S. 58):

  1. "Allgemein-technische Zwecke wie Schweißen und Schneiden.
  2. Gasversorgung für Heizzwecke.
  3. Verbilligung der Ammoniaksynthese und dadurch des künstlichen Düngers, Fetthärten, Umwandlung von Kohle in jeder Art in Benzol.
  4. Heizen von Lokomotivkesseln […].
  5. Reduktion von Erzen."

Die Idee ist zunächst bestechend.  Kraftwerke und Netze mit hoher Auslastung betreiben zu können reduziert die spezifischen Einsatzkosten.  Mit Wasserstoff und heimischen Rohstoffen wie Kohle, Torf und Holzkohle andere (kriegs-) wichtige Güter wie Erze, Benzol und Kunstdünger herzustellen und die Sektorkopplung zwischen Strom-, Wärme- und Mobilitätssektoren voranzutreiben hätte Deutschland sicher geholfen.  Die saubere Verbrennung von Wasserstoff und damit geringere Beeinträchtigungen von Mensch und Maschine hob Lawaczeck im Verhältnis zu kohlebetriebenen Dampflokomotiven hervor (S. 61ff).  Immerhin hatte sich Lawaczeck bereits 1919 mit Wasserstoff-betriebenen Verbrennungsmotoren beschäftigt. (3)

Lawaczeck fabulierte sogar von der Nutzung flüssigen Wasserstoffs zur Kühlung von Wärmekraftmaschinen, deren Wirkungsgrad ja nicht von der Höhe der Temperatur abhängt, sondern von der Temperaturdifferenz zwischen heißer und gekühlter Zone.  Mit flüssigem Wasserstoff als Kühlmittel könnte man zwar theoretisch auf 40 Grad über dem absoluten Nullpunkt (ca. -230°C) herunterkühlen, die Materialanforderungen hierfür sind allerdings enorm, dadurch extrem kostspielig und bis heute nicht gelöst.  Diese Herausforderungen sprach Lawaczeck zwar an, der mangelnde Realitätssinn hinsichtlich der zu ihrer Überwindung notwendigen technischen Entwicklungen überrascht aber zunächst für einen erfahrenen Ingenieur.

Was die Nutzung der Windenergie anbetrifft, spekulierte Lawaczeck (allerdings mit nur oberflächlichem Wissen über deren physikalische und wirtschaftliche Grundlagen), dass es möglich sei, sie zu ähnlichen Kosten wie Wärmekraftmaschinen (i.e., Kohlekraftwerke) zu bauen.  Den Standortnachteil Deutschlands in Bezug auf Windenergie beschrieb Lawaczeck sehr klarsichtig (S. 63): "[…] weil uns stetige Winde fehlen, weil uns nur Abstufungen geboten sind zwischen langer Windstille bis zum Sturm, während andere Weltteile sich ständiger Winde erfreuen, so dass diese Aufgaben dort viel größere Bedeutung erlangen." – auch hier wieder ohne den Beweis anzutreten.  Um 1.000 Kilowatt an Leistung zu erreichen, mussten die Windkraftwerke laut Lawaczeck auf 200 bis 400 Meter hohen Türmen sitzen und eine Flügelspannweite von 100 Metern aufweisen.  Solche "Hochräder" ließen sich "nach den Erfahrungen im Bau von Großantennen durch Eisengerüste, die oben seitlich durch Seile verspannt sind, die nur stützen, jedoch keine Biegungsbeanspruchungen erfahren, die aber unvermeidlich das Landschaftsbild verändern", realisieren.  Die unvermeidlich niedrigen Drehzahlen von solch gewaltigen Windflügeln konnten mit damaligen Getrieben und Generatoren nicht verarbeitet werden.  Stattdessen schlug Lawaczeck eine Umformung der Strömungsprofile mittels Düsen vor, die "auf einem kleineren Rad hinter den Großflügeln angebracht sind.  In diesen Düsen drehen sich die Zusatzflügel in höherer Luftgeschwindigkeit und treiben die Strommaschinen [Generatoren]."  Eine kleine Pilotanlage hierzu verfehlte allerdings ihren Zweck.

In einem weiteren Kapitel über die "Besondere Lage der Elektrizitätswirtschaft" erörterte Lawaczeck die besondere Verantwortung des Staates für Spitzenlastkraftwerke, die nur an wenigen Stunden des Jahres aktiv sind (4).  Hierfür sah er vor allem die Wasserkraft als geeignete Technik an, wo er der Kaskadenbauweise das Wort redete, also dem Hintereinanderschalten kleiner bis kleinster Staustufen und der Ausnutzung von natürlichen Überschwemmungsflächen als Stundenspeicher zwecks Abdeckung der täglichen Spitzenlast.  Das einzige durch Lawaczeck realisierte Kraftwerk in Bad Camberg, wo die Lawaczeck-Familie herstammte (5), errang jedoch trotz eines im Jahr 1938 gewährten Zuschusses von 91.000 RM nie die Wirtschaftlichkeit.  Ineffizienz und unausgereifte Technik waren dabei wohl die Hauptgründe.  Dabei sprach Lawaczeck begeistert darüber, welche Folgen es haben würde, "wenn wir überall in Deutschland ungeheure Stromquellen haben, ohne dass der Strom auch nur etwas kostet" (S. 75). Temporär nicht unmittelbar verbrauchten Strom bezeichnete Lawaczeck als "Überschussstrom" und mit diesem wollte er dezentral verteilte Elektrolyseure betreiben .

In einem abschließenden Abschnitt über Finanzierung (S. 86ff) entwickelte Lawaczeck auf Basis von Begriffen wie "Ernteüberschuss", der Messung der "Arbeitsnotwendigkeit" (6), tiefer Staatgläubigkeit und einer Ablehnung von Zinsen eine etwas seltsam anmutende Geldtheorie, auf die hier aber nicht im Detail eingegangen werden soll.  Sein Ziel war, möglichst so viele Menschen in Lohn und Brot zu bringen, wie die Ernteüberschüsse zuließen.  Allerdings zeigte sich selbst Hitler wenig begeistert.  In einem Gespräch beschied er knapp: "Ingenieure sind Narren.  Sie haben eine Idee, die vielleicht brauchbar ist, die aber Wahnsinn wird, wenn man sie verallgemeinert.  Der Lawaczeck soll seine Turbinen bauen, aber nicht Wirtschaftsblüten erfinden.  Lassen Sie sich nicht auf ihn ein." (7)  Kein Wunder also, dass sich Lawaczeck mit seinen nicht sauber durchgerechneten Ideen selbst im Dritten Reich nicht im großen Stil durchsetzen konnte.  Die Windkraft wurde nur auf kleiner Skala gefördert, aber immerhin bis 1944 .(8)

Eine Frage, die wohl nur Historiker werden klären können, ist nun, ob es eine Kontinuität von den national-sozialistischen Vorstellungen Lawaczecks über Energie- und Wasserstoffwirtschaft zu den modernen "Energiewende"-Theoretikern gibt.  Lawaczeck starb 1969, kurz darauf erschien der Club of Rome mit seiner leicht widerlegbaren These von der baldigen Endlichkeit vieler Ressourcen sowie die US-Studie "Global 2000" mit ähnlichem Inhalt.  Die Parallelen zu heutigen ‚grünen' Weltverbesserungstheorien, denen es weniger an Ideologie, aber umso mehr an elementarem technischen und wirtschaftlichen Wissen fehlt wie bei den Ideen des NS-Ideologen Lawaczeck, ist geradezu erschreckend.  Viele Begrifflichkeiten wurden direkt übernommen oder nur leicht umformuliert.  Umso wichtiger ist, diese Denke bald zu überwinden und zu einer vernunftgeleiteten Energiepolitik zurückzukehren.

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An dieser Stelle könnte der Artikel zu Ende sein, die energiewirtschaftlichen Ausführungen sind dargelegt.  Eine etwas allgemeinere Beobachtung wollen wir aber noch teilen.  Bereits im Vorwort schrieb Lawaczeck im Juni 1933: "Die erste Stufe der nationalen Revolution ist erreicht, die politische Macht ist errungen.  Nun gilt es zu vollenden, in natürlicher Entwicklung echter Volkswirtschaft den aus Eigennutz geborenen Kapitalismus zu besiegen, […].  Gemeinnutz vor Eigennutz! Im dritten Reich, dem Reich der Kameradschaftlichkeit und Ehre, wird die sachkundige Arbeit herrschen und nicht der Geldsack!"  (S. 4).  Hier zeigt sich: Der National-Sozialismus ist vor allem Sozialismus, wenn auch in antisemitischer Prägung.  Auch wird die wohlstandsmehrende Rolle des Welthandels nicht erkannt, stattdessen formuliert "Der Außenhandel dient nur dem Händler" (S. 7) – Formulierungen, wie sie heute noch von Organisationen wie Attac gebraucht werden könnten.

An anderer Stelle maßt sich der Autor an, die Bedürfnisse der Menschen genau und abschließend abschätzen zu können – eine weitere Parallele zum Sozialismus: "…aus dem Boden heraus werden auch alle Rohstoffe gewonnen, die notwendig sind: Wolle, Flachs, Baumwolle für die Bekleidungsindustrie, Kartoffeln (Spiritus), Kohlen, Erdöl und Wasserkraft zur Energiegewinnung für Licht, Kraft und Wärme der Wohnung, ferner Holz, Eisen, Erz und Stein, die man zum Bau der Wohnung benötigt.  Alles also, was die Bedürfnisse des Menschen (Nahrung, Kleidung, Wohnung) decken zu helfen nötig ist, kommt vom Lande." (S. 8) Auf der Bedürfnisdeckung beruht dann der gesamte weitere Text des Buches.  Der Satz "Wert hat immer nur das, was gebraucht wird " (S. 21) ist daher nicht in sich problematisch, sondern erst dann, wenn eine kleine Gruppe von sozialistischen Anführern den Menschen vorschreiben möchte, was sie zu brauchen haben.

Weitere Parallelen sind der Glaube an die Gestaltbarkeit und Vorhersehbarkeit von Wirtschaftspolitik, wie er ja auch schon von Karl Marx in die Welt getragen wurde.  Aus der Zeit betrachtet ist dies durchaus verständlich.  Der Fortschritt an Fähigkeiten der Ingenieure veränderte die Lebensbedingungen breiter Massen im 19. Jahrhundert so stark, dass das Bild der Welt als Uhrwerk vorherrschend war.  So schrieb auch Lawaczeck "Erst dann wird die Nationalökonomie Einfluss auf die Wirtschaft gewinnen, wenn sie aus der Kunst des Aufbauens eine Wissenschaft gemacht haben wird."  (S. 16). Diesen Traum von der universitären Lenkung der Wirtschaft träumen heute – zu Recht – wohl nur noch wenige unverbesserliche Wissenschaftler und Wirtschaftspolitiker.

Einer der grundlegendsten Irrtümer ist für alle Sozialismen recht typisch.  In einer unfreien Gesellschaft entwickeln sich Technik und Wissenschaft langsamer als in Demokratien, in den sich der Einzelne frei entfalten kann.  Lawaczeck macht aus der Not eine Tugend, indem er schreibt (S.47) "[…] da man heute die Erfindungen als im wesentlichen abgeschlossen gelten lassen darf, insoferne, als Wasser, Luft und Erde erobert sind." Stattdessen sei es die Aufgabe des Ingenieurs, Bekanntes zu optimieren.  Ausgerechnet den Kapitalismus hält Lawaczeck aber für innovationsfeindlich, als kurzfristige "kapitalistische" Gewinninteressen der Entwicklung neuer Methoden entgegenstehe.  Hier macht sich die antisemitische Denke selbständig, die "Kapitalismus" nicht sagen kann, ohne "Geldsack" zu denken, und diesen als Mensch auszurotten gedenkt.  Es wirkt hier derselbe Zynismus, der bei Stalin, Mao und Pol Pot zu Millionen Toten in der eigenen Bevölkerung geführt hat.

Zuletzt zur Staatsgläubigkeit, einer gleichfalls zutiefst sozialistischen Untugend.  Gerade beim Geldwesen zeigt sich, dass Lawaczeck auf einen starken und unendlich lange existierenden Staat setzt, und dies, obwohl die Währung erst kurz vor Entstehung eines Machwerks zusammengebrochen war.  Die Aufgaben des Geldes als Tauschmittel und als Wertaufbewahrungsmittel sieht Lawaczeck ausgerechnet durch staatliche Geldschöpfung in Form von Krediten umgesetzt.  Zinsen lehnt er dagegen ab.  Kurios muten seine Ausführungen hierzu an (S. 89): "Nach den Federschen Grundsätzen ergibt sich also ein ganz überraschend einfach aufgebautes Geldwesen, das beim Sparer zwar keine Zinsen, wohl aber die viel wertvollere Wertbeständigkeit verbürgt.  Die Wertbeständigkeit wird durch den Staat verbürgt, der seinerseits die Sicherheit für die von ihm ausgegebenen Darlehen in der Arbeit sieht, in dem Wort, in dem der Arbeitswillige sein Arbeitserzeugnis und seine Ehre verpfändet.  Die Ehre des Arbeiters ist aber ein sichereres Pfand als es ein der Konjunktur unterworfenes Wertobjekt sein kann.  Auch rein kaufmännisch gedacht!  Alle selbständigen Kleinunternehmen sind wirtschaftlich, […], w e n n  ihnen die technischen Hilfsmittel, Strom und Wärme, Wasserstoff und Sauerstoff so billig zur Verfügung stehen, wie das möglich wird, und wenn diese Unternehmen vor allem von der Zinsenlast frei sind."  Er stellte sich mithin eine Art Vertrag vor zwischen den (arischen) Bürgern und dem NS-Staat, wo "Ehre" gegen dauerhafte Stabilität und perfekte Lenkung der autarken Wirtschaft getauscht werden sollte.  Hier zeigt sich die ganze Hybris, wenn ganze Gesellschaften als eine Maschinerie betrachtet werden, die der fähige Ingenieur perfekt abstimmen kann, so dass "Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch herrscht" (S. 90).

Was unterscheidet nun nach Lawaczeck National-Sozialismus vom normalen Sozialismus?  Die Karl Marxsche Forderung nach der "Expropriation der Expropriateure" las er (S. 39) als "Machtverschiebung innerhalb des kapitalistischen Systems".  Demgegenüber sah Lawaczeck die Aufgabe der national-sozialistischen Wirtschaft als (S. 43) "[…] Bedarfsdeckung des Volkes.  Der Bedarf wird durch die drei Stichworte gekennzeichnet: Nahrung, Kleidung, Wohnung.  Die Nahrung, sowie die Rohstoffe für Kleidung und Wohnung lieferte der Boden, also der Bauer in weiterem Sinne."  Es ist erhellend, diese auch von heutigen Sozialisten vertretene These bereits in NS-Schriften wiederzufinden.  Im Unterschied zum Sozialismus wollte Lawaczeck die Wirtschaft allerdings in selbständigen Kleinstunternehmen organisieren, die ihre Leistung mit möglichst vielen Arbeitskräften erbringen, und nicht in Großbetrieben, deren Kapital durch Aktienemission erworben wurde.  Er schrieb (S. 45): "Pflicht und Aufgabe des Staates ist es, so viele Arbeiter zu beschäftigen, wie von dem Ernteüberschuss satt werden können." Dies wollte Lawaczeck durch staatliche Lenkung erreichen, allerdings ohne genau auszuführen, durch welche staatlichen Druckmittel auf die Unternehmen Einfluss genommen werden sollte, wurde Gewinnstreben als Motivation doch deutlich abgelehnt.

Fairerweise sei gesagt, dass im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch bereits 1934 die NS-Führung die von Adolf Hitler in "Mein Kampf" skizzierten und von Persönlichkeiten wie Gottfried Feder und Franz Lawaczeck weiterentwickelten sozialistischen Ideen in nationalem Gewande aufgab.  Stattdessen verband sie sich mit der für die Vorbereitung eines Angriffskrieges so wichtigen aber eigentlich verhassten Großindustrie.

Für den nicht historisch geschulten Leser aus Deutschland bleibt ein Gruseln zurück, hat der Sozialismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen doch das Land bereits zweimal im letzten Jahrhundert in den Abgrund geführt.  Aus diesem blicken Fratzen zurück, die dort besser gebannt bleiben sollten.  Doch immer noch sind die meisten Aspekte des Sozialismus populär.  Es zeigt sich, dass es keine hinreichend großen Unterschiede zwischen National-Sozialismus und anderen Formen von Sozialismus gibt.  Der Gegensatz liegt stattdessen zwischen Denkweisen, die das Individuum stärken, und den staatsgläubigen Ideen der unterschiedlichen Sozialismen.

(1) Nationalsozialistische Bibliothek, Heft 38, Hrsg. Gottfried Feder, 3. Aufl.

(2) Gemeint ist die Auslastungsquote, also die Anzahl von effektiven Stunden, die eine Anlage betrieben werden kann, im Verhältnis zur Anzahl der Stunden des Jahres (8.760).

(3) Patrick Armstrong, "Hydrogen Power – Science Fact or Science Fiction?", Journal of Borderland Research, Vol. 52 no. 04, 1996.

(4) Heute würde man von "Kapazitätsmärkten" sprechen.

(5) Auch seine drei Brüder erreichten hohe Ämter in der NS-Bürokratie.

(6) d.i. die Anzahl von zu ernährenden Menschen in der Volkswirtschaft.

(7) Hermann Rauschnig, "Gespräche mit Hitler", Europa Verlag Zürich, 1940, Nachdruck 2005.

(8) Rupert Darwall, "Green Tyranny: Exposing the Totalitarian Roots of the Climate Industrial Complex", Encounter Books, 2017

 

22. Januar 2018

Dr. Björn Peters

Peters beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Energiesektor in Zeiten der Energiewende unter wissenschaftlichen, volks- und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Er ist Inhaber der Unternehmens- und Politikberatung Peters Coll.