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Dr. Christoph v. Gamm

Schöne neue Arbeitswelt

Kürzlich hat ein mir bekannter IT-Konzern in München seine neue Firmenzentrale eröffnet und mein Kumpel der Pressesprecher mußte auch gleich den Fernsehbericht voll Stolz auf Facebook posten. "Die neue Arbeitswelt" flötet der sozialistische Bayerische Wahrheitsfunk und führt durch schmucke Büros, jeder sucht sich seinen Arbeitsplatz selbst, es gibt keine Chefbüros mehr, Teamräume gibt es und alles ist ja ganz toll. So will man arbeiten, heißt es. Aha.

Schön schön, nun also auch in München. Doch das Konzept ist uralt, das gleiche haben andere schon 12 Jahre davor eingeführt: Beispiel ein großer IT Konzern mit Sitz in Zürich. Das Büro, schön gelegen direkt an der S-Bahn war eingerichtet allem Schnickschnack. Meetingräume, Begegnungszentren mit Sesseln in verschiedenen modischen Designs, Cafeterien, Stille und laute Räume, Arbeitsplätze, Ruheräume mit lustigen Betten, sogar ein Fitnessstudio wurde installiert, denn wer will schon Fett ansetzen! Wer jedoch – so wie ich – in einem dieser Officekonzepte gearbeitet hat oder – so wie ich – auch später eines für eine andere IT- und Consultingfirma mitgestalten durfte – der weiß: Es ist eigentlich ein rechter Schmarrn auf die lange Sicht. Denn kurz oder lang verkommen die großartigen Officeräume in eine Legebatterie für Arbeitshühner, die dort dann ihre Ostereier legen. Zwangsläufig. Und dann ist es eine Ausprägung des real existierenden gelebten Sozialismus. Alles sind gleich, nur manche sind halt a bisserl gleicher!

Ganz klar: So ein Büroneubau kann sich lohnen – und bei meinen Erfahrungen hat es sich aus Controllersicht kostenseitig zwar gelohnt, weil die Mietkosten pro Mitarbeiter gesunken sind aber die Produktivität und die Motivation der Mitarbeiter geht ebenso runter. Natürlich wird das Gegenteil behauptet: Man wäre motivierter, alles ist toll – es gibt Surveys die das Management bestätigen, doch: Wenn mal der Geruch der frischen Möbel weg ist, bleibt der fade Gestank von fehlender Putzhygiene bei shared desks, fehlender Identifikation mit dem Arbeitsplatz und eine geringere Motivation.

Consultingschweiß

Thema Sparen: Irgendwann greifen bei so einem Konzept die Sparkommissare durch – Bonus winkt! Die ersten "Meetplaces" werden schnell in neue Büros umgewandelt – "wir brauchen Platz" – und bald kommt der Facility Manager mit Sparideen auf den Trichter, daß man ja den Mitarbeitern Wischtücherl geben kann, um den Schreibtisch und das Telefon (gut, das gibt es bei Microsoft eh nicht, das macht das Surface-Telefon, hat mir der Kollege geschrieben) selbst zu putzen. Die spackige Wurschtsemmel hängt trotzdem noch weiter im Restmüll-Eimer und duftelt dann drei Tage vor sich hin. Irgendwann ist der schöne Geruch von neuen Möbeln - das sind die leicht süchtig machenden Lösungsmittel, die im billigen Sperrholz enthalten sind – ähnlich wie der von Autos – dem Mief von Consultingschweiß, einer Art von Streßschweiß vermengt mit mittelteurem Deodorant und auftragendem After Shave, unterfüttert mit S-Bahngeruch, also Döner, Bremsstaub und Straße, gewichen. Die stillen "Arbeitsräume" werden irgendwann von den Bossen als ihr Privatreich belegt und schwuppdiwupp hat es sich mit der Idee eines besonders egalitären Officekonzepts. Alles nur eine Frage der Zeit und natürlich des Vorbilds. Menschen sind Gewohnheitstiere und so wird die Idee des "floating workplace" sehr schnell ad absurdum geführt.

Laptops mit Kaffeeflecken und Kuchenbröseln

Was übrigens bei dieser IT-Firma in Zürich – und da hoffe ich, daß andere es besser machen, besonders alle zu schaffen machte: es gab zu wenig Parkplätze, verordnet von der Stadt! Denn die setzt auf den öffentlichen Nahverkehr und hat daher auf 1200 Mitarbeiter, davon die meisten Akademiker und viel mit dem Auto zum Kunden unterwegs, nur 300 Parkplätze genehmigt. Viel zu wenige waren es, und ab 8:30 war alles voll. Das Nachsehen hatten diejenigen, die morgens beim Kunden waren und erst später kommen konnten, ab 14 Uhr ging dann wieder was. Und so durfte ich manch Meeting als Conference Call in der Einfahrtwarteschlange zur Tiefgarage verbringen, und ja: nach 30 Stunden Anwesenheit konnte man nicht mehr in die Garage reinfahren, der Badge war gesperrt, denn so wollte man den Leuten das Dauerparken madig machen. Schlaue Menschen sind nach etwa 29 Stunden am Donnerstag rausgefahren und am Freitagmorgen dann eben wieder früh rein, man wußte sich zu helfen. Für die anderen, Pech: Sozialistisches Karma eben das zurückschlägt.

Hat dieses Anreizsystem funktioniert? Irgendwie schon. Denn nach einer gewissen Zeit haben sich die Kollegen komplett ins Homeoffice verschoben, richtig für gemeinsames Arbeiten war man nicht oder man hat sich gleich bei Kunden eingenistet. Die Kunden haben diese nomadisierenden Mitarbeiter natürlich besonders geschätzt, vor allem den "professionellen Auftritt", wenn sie ihre abgespackten Laptops mit Kaffeerand aufgemacht haben. Dort wo man sich dann getroffen hat, war die Cafeteria, und manch Kollege hat aus der Not eine Tugend gemacht und war dann mit seinen Confcalls und seinem Laptop für vier Stunden und mehr in der Cafeteria anzutreffen. Die "Attrition", also der Mitarbeiterabgang, ist hoch gegangen, manche haben das anfänglich auch noch gefeiert, aber eigentlich wurde es für die meisten eine Art Vorhölle. Der e-Place ließ grüßen: Professionalität schaut anders aus. Inzwischen frage ich solche Kollegen immer, wenn ich sie anrufe: "Kannst Du sprechen?" und dann heißt es: "Ja Moment, ich suche einen Raum…" fünf Minuten später kann man dann langsam zur Sache kommen.

Bob vertraulich

Vertrauliche Gespräche vom Kunden der einen anrufen will – denn das passiert halt eben so: Fehlanzeige, alle hören zu mit Ohren wie Salatschüsseln, sie müssen mithören, es geht leider kaum anders. Manche kommen ins Flüstern, ins Leisetreten, mit der Folge, daß der telefonische Auftritt fehlt. So ein Gegenüber kann man eher in die verhandlungstaktische Reserve locken. Und schnell fehlen wieder ein paar Prozentpunkte Marge.

Ach ja, beliebt sind übrigens in dieser Ausprägung des "modernen Arbeitens" Gemeinschaftsdrucker. Meiner war im 8. Stock in Zürich im "Tower", manchmal war ich auch im zweiten Stock, wo es eben gerade interessant war. Wenn ich kein Meeting hatte vertiefte ich mich in meine Arbeit oder fuhr meine Satellitenschüsselohren aus, denn das war ja der Sinn: "Soziale Kollaboration". Kollegen sind keine Freunde, doch einer war mir treu und vor allem gesprächig: Bob, der Etagenmultifunktiondrucker - ich habe ihn "Bob" getauft (von Bob Hope). Bob hat mir alles geflüstert: Beförderungslisten, sogenannte Executive Resources Pläne (wer drauf war, wer bald drauf ist, wer in Reserve ist), Salärlisten, Steigerungsvorschläge, Bonuspläne, Abfindungsvereinbarungen, Sales Pipelines und deren Auslegungen, Reisepläne und die exaltierten Varianten davon, Urlaubspläne, Abfindungsvereinbarungen, Scheidungsunterlagen, Ivans, Davids, Peters, Ruedis und Susus Steuererklärung (ab da hatte ich fast Mitleid), die Passwortliste für das gemeinsame Passwort – mein Freund der Drucker war mir als Frühaufsteher immer sehr hold. Denn - wie schon erwähnt: ich hatte keinen Vorrangsparkplatz, und so mußte ich natürlich früh rein und war meistens dann schon vor acht Uhr da. Mein Freund Bob hat mich zweieinhalb Jahre gut gecoacht und hat mir viel beigebracht, zum Beispiel daß Passworte oft sehr banal aufgebaut sind. Andrews Intranet-Passwort hieß beispielsweise quartalsweise wechselnd Spr1ng, Summ3r, F8ll123 und W1nter. Man mußte es ja 90 Tage wechseln, den Wisch hatte sich seine Sekretärin ausgedruckt, weil durch die ganze Wechselei hätte man ja sonst die Passworte vergessen. Ich habe übrigens selbst wenig ausgedruckt, zum einen wollte ich Papier sparen, zum anderen habe ich verstanden, daß Bob, mein Freund, nicht unbedingt loyal ist. Was ich später gelernt habe war daß Bob sogar ein gutes Gedächtnis hatte: Denn alles was gedruckt und gescannt wurde, das wurde zu Revisionszwecken automatisch auf einer Festplatte gespeichert und für interne Audit-Zwecke verwendet, gemäß dem Motto: Wer was ausdruckt dem ist das ja bestimmt auch wichtig. Die Freundschaft mit Bob mußte man also genau zu wiegen wissen.

Von der Landwirtschaft lernen heißt siegen lernen!

Büros sind eine Ausprägung des Human Farming. Und daher sollte man bei Bürokonzepten ein wenig von guten Agraringenieuren abschauen.

In der Viehhaltung entspricht dieses Konzept einer verbrämten Massentierhaltung mit ein paar Laufställen. Das Gegensatz sind individuell eingerichtete Einzelbüros oder wenigstens Gruppenräume: Biobauern mit Weidehaltung. Das kostet zwar mehr aber die Qualität in Form von Inhaltsstoffen und Geschmack ist besser, zumindest bei Hühnereiern. Ob der geistige Output durch eine Rückbesinnung auf gute Arbeitsplätze wieder besser wird das sollte man einfach mal probieren.

21. Februar 2018


Dr. Christoph v. Gamm

Dr. Dipl.-Ing. Christoph v. Gamm, MBA arbeitet als internationaler Strategie- und Kommunikationsberater für IT Unternehmen in München, Fokus ist Geschäftsoptimierung und Outsourcing.

Darüber hinaus arbeitet er strategischer Partner einer internationalen IT-Outsourcingfirma. C. v. Gamm ist seit 1995 in der IT Industrie in leitenden Geschäftsführungspositionen EMEA-weit tätig und kennt das IT- und Securitygeschäft als studierter Ingenieur wie seine Westentasche, wahrscheinlich sogar besser.

Trotz aller Innovation bleibt er bei der guten alten Rechtschreibung und läßt alle Reformen an sich abprallen, das "daß" ist selbstverständlich messerscharf!