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MÄRKTE und FINANZEN

 
 

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Dr. Patrick Knaus

Corporate Finance für expandierende (Technologie-) Unternehmen

Alternative Chancen bei der Unternehmensfinanzierung am schweizer Kapitalmarkt

Infolge der Kreditkrise 2008/09 und Eurokrise 2011/12 wird es für Unternehmen zunehmend schwieriger Finanzierungen für Expansionsprojekte zu sichern. Eklatantes Versagen im Risikomanagement der Grossbanken und daraus folgende regulatorische Auflagen bis hin zu einer gewissen Überregulierung haben das Geschäftsmodell von Banken als klassische Finanzierer der Wirtschaft in Frage gestellt. Alternative und komplementäre Finanzierungsquellen und -modelle sind gefragt.

Die europäische Bankenlandschaft befindet sich seit 2008 in einer Dauerkrise die ihren Anfang in einer fahrlässigen Kreditvergabe am amerikanischen Hypothekenmarkt nahm. Im Sog der Lehman Insolvenz werden Mängel im Risikomanagement renommierter Banken aufgedeckt die zu enormen Verlusten führen und nicht nur Finanzinstitute in die Zahlungsunfähigkeit treiben, sondern ganze Staaten wie Island mit sich reissen. Auch die Schweiz muss Grossbanken mit massiven Kapitalspritzen unter die Arme greifen. Nur zu verständlich ist es, dass die folgenden regulatorischen Massnahmen Banken zur Schrumpfung zwingen, durch Deleveraging d.h. drastischer Verkleinerung ihrer Bilanzen: Risikoreduktion und höhere Eigenkapitalanforderungen werden im Basel III Regelwerk festgeschrieben und umgesetzt. Die Marktstimmung kippt in Risikoaversion. Die Differenzierung zwischen guten Risiken (Gewinn) und schlechten Risiken (Verlust) scheint in den Hintergrund gedrängt. Die Frage warum vermeintlich gute Risiken "sauer" werden wird nicht mehr gestellt. Risiko ist pauschal schlecht und muss reduziert werden. Risikoreduktion ist prinzipiell eine weise Entscheidung bei zu grossen oder schwer abschätzbaren Risiken. Andererseits besteht das Geschäft einer Bank aber im Handel mit eben diesen Risiken, und ihre Vermeidung entzieht den Banken in letzter Konsequenz ihre Geschäftsgrundlage, und der Wirtschaft die Möglichkeit zu wachsen.

Konsequenzen der Finanzkrisen für Banken und Kapitalmarkt

Die strengen Regulatorien werden auf absehbare Zeit ein Hauptfokus der Banken bleiben. Nach dem Deleveraging der letzten Jahre tritt die effizientere Nutzung der geschrumpften Bilanzen in den Vordergrund, und der Versuch bei geringem Risiko sichere Gewinne einzufahren. Dies manifestiert sich in der Einführung verschiedener neuer Gebühren, allerdings ohne sichtbaren Mehrwert für Kunden zu schaffen. Die Digitalisierung der Bankenwelt, Finance 2.0, beschränkt sich bisher auf risikofreie Serviceangebote wie online Kontoeröffnungen.

Die Risikomanagementabteilungen vieler Grossbanken sind eigentlich irreführend benannt, da es hier nicht primär um Management von Risiken geht, sondern um Reportingpflichten gegenüber Regulierungsbehörden. Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf dem quantitativen Verständnis der Risiken, sondern der Erfüllung legaler Auflagen durch Lieferung von geforderten Daten die man mangels robuster Systeme noch nicht liefern kann. Ungenügende IT Infrastruktur wird die Banken für Jahre beschäftigen und ist der nächste grosse Meilenstein zu einer solideren Bankenlandschaft.

Gemäss der Europäischen Zentralbank ist das Volumen der vergebenen Kredite an mittelständische Firmen in den Jahren nach 2008 um 15% zurückgegangen, begründet im Deleveraging, während insbesondere ab 2014 die Nachfrage nach Krediten kontinuierlich anstieg. Dies ist um so problematischer als die europäische Wirtschaft zu 75-80% bankfinanziert ist, im Vergleich zu lediglich 10-15% in den USA. Der durch Regulierung mit sich selbst beschäftigte und risikoaverse Bankensektor kann den Finanzierungsbedarf der Wirtschaft nicht mehr decken. Wenn Kredite gesprochen werden, dann weit weg vom Risiko das insbesondere in jüngeren, kleinen und mittleren Firmen gesehen wird. Andere Marktakteure und neue Intermediäre müssen den Kapitalbedarf des Mittelstands mit innovativen Finanzierungsmodellen bedienen, was letztendlich zu stärkerem Wachstum in Europa führen wird. Die Europäische Zentralbank und der Internationaler Währungsfonds verlangen alternative Finanzierungsquellen zu identifizieren und zu fördern.

Alternative Investment Firmen als Kapitalgeber für mittelständische Unternehmen

Viele der neuen Kapitalgeber - Investment Fonds, Family Offices, Versicherungen aber auch Pensionskassen - sind am schweizer Kapitalmarkt aktiv und unterliegen nicht den Regulierungen und Eigenkapitalvorschriften der Banken. Sie haben keinen Zugriff auf die Liquidität der Zentralbanken, sondern investieren eigenes Kapital mit echtem Investitionsbedarf und Renditeerwartungen. Entsprechend tendieren Sie zu leistungsfähigen Risikomanagementsystemen und stetiger Kontrolle der eingegangenen Investments. Sie sehen sich als Teilhaber und Partner der Unternehmungen die Sie finanzieren und fordern entsprechende Einblicke in den Geschäftsgang.

Auf die Kapitalsucher, Unternehmer die Spezialisten in ihrer Branche sind, kommen neue, fachfremde Aufgaben zu. Sie müssen ihr Unternehmen mit dem Vokabular des Kapitalmarkts beschreiben und bewerben, um von den neuen Investoren verstanden zu werden. Wie in Rechtsfragen auf die Hilfe von Anwälten zurückgegriffen wird, benötigen Kapitalsuchende nun Finanzspezialisten die die Sprache des Kapitalmarkts sprechen und zusätzlich die technischen und fachspezifischen Herausforderungen der Unternehmen einschätzen können. Eine neue Erfahrung für Kreditnehmer wird sein nicht mehr nur einer Bank gegenüber zu stehen die einen Kreditvergabeentscheid fällt. Vielmehr stehen sie als eine Investitionsmöglichkeit im Schönheitswettbewerb mit konkurrierenden Investitionsmöglichkeiten. Der Kreditgeber erwartet für ihn verständliche und effiziente Unternehmenspräsentationen, um sein begrenztes Kapital in attraktive und transparente Projekte effizient zu investieren.

Der Ablauf der Kreditsprechung bzw. Investitionsprozess

Der Investitionsprozess zwischen Unternehmen und Geldgeber ist in vier Etappen unterteilt: Erstkontakt, Risikoanalyse, Bewilligung und Monitoring. Nach Gesprächen mit dem Unternehmer wird eine Erstbeurteilung des Projekts und seiner Sicherheiten erstellt. In einer Nachbesprechung führt dies zu einem ersten Entscheid ob eine Finanzierung prinzipiell möglich erscheint, was dann im zweiten Schritt eine vertiefte Risikoanalyse nach sich zieht. Vor dem nötigen Austausch vertraulicher Daten wird ein Non-Disclosure Agreement unterschrieben, das zur Verschwiegenheit bezüglich sensibler Daten verpflichten. Das Sammeln der relevanten Daten und Prüfen von Sicherheiten und dem legalen Rahmen beinhaltet üblicherweise vor Ort Besuche und ist ein nicht unerheblicher Aufwand der letztendlich zu Preisempfehlungen führt. In der Bewilligungsphase fällt der Entscheid über die Kreditsprechung und die effektive Finanzierungsstruktur, sowie ein definitives Pricing. Nach Bereitstellung der Geldmittel schliesst sich die vierte und letzte Phase an, ein Monitoring des Projektes über den gesamten Investitionszeitraum hinweg. Regelmässige Kontakte zwischen Unternehmer und Investor sind üblich.

Die neuen Herausforderungen am alternativen Kapitalmarkt

Neue Intermediäre zwischen Mittelstandsfirmen und Geldgebern mit langfristigen Investmentansätzen können Unternehmen beim Wachstum unterstützen, um aktuelle strukturelle Defizite durch die europäische Bankenregulierung zu überwinden. Diese neuen Dienstleister werden vor allem für Mittelständler ohne grosse Finanzabteilungen wertvolle operationelle Unterstützung liefern. Häufig wird die Frage nach besonderen Tricks gestellt, alternative Geldgeber schnell zu finden. Die schlechte Nachricht ist leider, dass es solch magischen Tricks nicht gibt, und die Kapitalgeber in mühevoller Detailarbeit gewonnen werden müssen. Dies entspricht der neuen Realität des europäischen Finanzsystems in der das Geschäftsmodell der Grossbanken nicht nur in Frage gestellt wird, sondern durch Regulatorien politisch gewollt schrumpfen muss.

Der Autor
Dr. Patrick Knaus ist promovierter Physiker der nach 7-jähriger Forschungsarbeit am CERN in Genf in das Investment Banking wechselte und mittlerweile 15 Jahre internationale Erfahrung am Kapitalmarkt besitzt, ehemals Leiter Strukturierter Zinsenhandel, UBS Investmentbank Zürich und Hongkong.

Kontakt: patrick.knaus@scientific-capital.com

29. März 2016