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MÄRKTE und FINANZEN

 
 

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Oskar Loewe, Landesgeschäftsführer Schweiz des DAV

Energiebranche auf Zukunftssuche

Bericht vom 11. Deutschen Energie Kongress in München

Es ist verdächtig ruhig geworden in der deutschen Energiewirtschaft. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, besuchte Oskar Loewe von Deutscher Arbeitgeber Verband e.V. den 11. Deutschen Energie Kongress in München. Dieser stand am 6-7. September 2016 unter dem Motto: "Energiewirtschaft im Wandel – Kann sich die Branche neu erfinden?" Frau Dr. Marie-Luise Wolff-Hertig, Vorstandsvorsitzende bei Entega AG, einem Vorzeigeunternehmen der Branche, welche bereits die Energiewende geschafft hat, merkte in Ihrem richtungsweisenden Vortrag an, das es, Ihrer Einschätzung nach, in der Branche an "Datenkompetenz" und "Aktivem Unternehmertum" fehle.

Am zweitägigen Kongress nahmen über 220 Topentscheider von Energieversorgern, Netzbetreibern, Energiehändler, spezialisierten Consultingunternehmen und teils sehr innovativen Zulieferern teil. Die produzierende Industrie war nur vereinzelt vertreten. Das soll sich aber in den kommenden Jahren ändern. Der Deutscher Arbeitgeber Verband e.V. hat es sich zum Ziel gesetzt, seine Verbandsmitglieder, vor allem Vertreter aus mittleren und grossen produzierenden Unternehmen, die in ihren Regionen zu den wichtigen Arbeitgebern und grössten Abnehmern von Energie zählen, verstärkt an den Kongress und in den Zukunftsdialog mit den Vertretern der Energiewirtschaft zu bringen. Dies auch desshalb, weil sich immer mehr seiner Verbandsmitglieder als branchenfremde bereits mit den erforderlichen Grundlagen befassen, um selbst als Energieversorger in den Markt einzutreten. Dies um Kosten bei der Energiebeschaffung zu sparen und einen eigenen Beitrag zur Energiewende zu stiften.

Bisherige Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand

Mit dem Ziel, bis 2020 35% des Energieverbrauches mit Erneuerbaren Energien und durch dezentrale Energieerzeugung zu decken, steht das traditionelle Geschäftsmodell der Energieversorger auf dem Prüfstand. Obwohl es bereits grosse Anbieter gibt, die Atomstrom aus ihren Lieferprodukten verbannt haben und trotzdem gutes Geld verdienen, wie z. B. Entega AG aus Darmstadt, waren Neue Produkte und Kostensenkungsprogramme die Hauptthemen auf dem diesjährigen Kongress. Doch warnen Fachleute davor, dass die Bearbeitung dieser Themenbereiche nicht ausreicht, um in Zukunft zu bestehen. Dieser Ansicht ist zumindesten Dr. Norbert Schwieters, Industry Leader für Energiewirtschaft bei PwC. "Viele Enegierunternehmen sind verunsichert. Denn die in 2010 in Deutschland beschlossene Energiewende, die zunächst geplante Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke und schließlich der kurzfristige Atomausstieg nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima in 2011 haben bei den Verantwortlichen nicht zur Steigerung des Vertrauens in die politischen Rahmenbedingungen beigetragen."

Regionalplanung inkompatibel mit Klimazielen der Bundesregierung

Dies unterstrich auch Dr. Pratrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, einem Think Tank  der wissenschaftlich fundierte und politisch umsetzbare Wege erarbeitet, damit die Energiewende gelingt. Er mahnte am Kongress eindringlich: "Ohne verlässlichen Fahrplan wird einfach nichts geplant und umgesetzt. Desshalb müssen wir uns jetzt schnellstens auf einen gemeinsamen Fahrplan verständigen." "Derzeit ist die Regionalplanung inkompatibel mit den Klimazielen der Bundesregierung, bezogen auf die Senkung von CO2, welche durch 35% EE bis 2020 erreicht werden soll", so Graichen weiter. Ralf Sikorski, Mitglied des Hauptvorstandes der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie IG BCE sagte: "Ein Technologieschub ist nötig, um die bereits vereinbarten Ziele zu erreichen." Laut Sikorski seien alleine 30 TB Speicher notwendig, die aber niemand bauen möchte, da sich mit Speichern kein Geld verdienen lasse. Andere anwesende Manager namenhafter Unternehmen sagten: "Wir sind in den letzten Jahren nicht wirklich weitergekommen, bei dem Ziel, möglichst schnell CO2 zu reduzieren", oder: "Bis heute ist die Deutsche Energiewende keine Erfolgsstory", oder: "Die Klimaziele 2020 werden wir nicht erreichen."

Zukunft ungewiss, grosse Chancen im Erdinneren

Prof. Dr. Reinhard Hüttl, Präsident von ACATECH und wissenschaftlicher Berater der Hightech-Strategie Klimaschutz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, begann seinen Vortrag am Kongress mit den Worten: "Die Zukunft ist ungewiss". Eindringlich legte er anhand von Schaubildern die Entwicklung der Treibhausgas-Emission dar. Er beklagte den nur schleppend voranschreitenden Rückgang bei Import von fossilen Energieträgern. Dieser belief sich 2013 auf EUR 95 Mrd. und ging 2014 auf EUR 81 Mrd. zurück. Wenn wir aber die Preisentwicklung am Bespiel der Rohölsorte Brent betrachten, sei die Importmenge auf das Volumen bezogen, nur um 5% gesunken. Dies da ein Barrel 2018 noch USD 111.--, 2014 aber nur noch USD 99.— kostete. Auf die Frage, wie er persönlich derzeit 1 Mrd. in der Energiewirtschaft investieren würde, sage er: "In die Nutzung der Energie im Erdinneren." Hüttl bemängelte auch, das allerortens vollmundig von Innovationen gesprochen würde. Diese entstünden aber erst, wenn daraus Produkte geworden seien, die der Markt auch annimmt.

Energieversorger rechnen mit radikalem Wandel

Verfolgte man die Gespräche der Manager auf dem Kongress etwas aufmerksamer, rechnen viele Energieversorger in Deutschland, wie auch ihre Branchenkollegen rund um den Globus, mit einem radikalen Wandel ihrer Branche bis 2030. So gaben 94 Prozent der kürzlich von PwC für die Erstellung einer Studie befragten Unternehmen an, dass sie mit einer Transformation oder zumindest mit wichtigen Änderungen des Geschäftsmodells bis 2030 rechnen. Weltweit bezeichnen 57 Prozent der Energieversorger die Wahrscheinlichkeit als hoch, dass die dezentrale Energieerzeugung die Versorger dazu antreibt, ihr Geschäftsmodell zu ändern. Nur eine Minderheit von 18 Prozent hält die dezentrale Energieerzeugung für eine Bedrohung: Rund 82 Prozent sehen darin eine Chance. Ausserdem setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, das aus Innovationen erst dann Produkte würden, wenn sie dies am Markt auch behaupten.  

Diversifizierung und Rekommunalisierung des Energiemarktes

Die erfolgsverwöhnten Energiekonzerne bekommen immer mehr Konkurrenz. Dies auch dadurch, das grosse Arbeitgeber und Energieverbraucher wie z. B. Bayer oder branchenfremde, wie der Telefonanbieter 1&1, neu als Energieversorger in dem Markt eintreten. "Darauf müssen sich die Energieunternehmen vorbereiten und neue Wege beschreiten. Dies in Kooperationen, mit neuen Geschäftsmodellen und innovativen Angeboten", meinte dazu Dr. Uwe Kolks, Geschäftsführer EON Vertrieb Deutschland. Neben Branchenfremden spielen kommunale Versorger die regionale Karte und investieren ebenfalls kräftig in erneuerbare Energien und neue Vertriebsmarken. Aus marktwirtschaftlicher Sicht vollziehe sich derzeit eine "Rekommunalisierung des Energiemarktes", sagte auch Branchenexperte Daniel Seidenspinner vom Bankhaus Metzler in Frankfurt. "Doch weil das Gros der Kunden nur wegen günstiger Preise einen Tarif wechselt, drohe den weniger finanzstarken Versorgern unter Umständen ein teurer Wettbewerb mit ruinösen Folgen.", so Seidenspinner weiter.

Ohne Digitalisierung keine ertragsstarken Geschäftsfelder

Das Umfeld für die Energieversorger hat sich dramatisch verändert. Dezentrale Energieerzeugung erfordert intelligente Stromnetze und, in kurzer Zeit, eine konsequente Digitalisierung. Frau Dr. Marie-Luise Wolff-Hertig, Vorstandsvorsitzende der Entega AG aus Darmstadt sagte in Ihrem Vortrag am Kongress: "Niemand weiss, mit welchem Wettbewerbern wir es vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalsierung in ein paar Jahren zu tun haben werden." "Ich gehe davon aus, dass es möglicherweise so kommen wird wie im Telekom-Markt, dass die Wettbewerber, die wir heute noch nicht kennen, zunächst deutlich mehr Veränderungen mit sich bringen werden, als uns wohlbekannte Branchenkollegen aus Düsseldorf, Essen, Stuttgart oder Berlin." So Wolff-Hertig weiter. Ihrer Meinung nach sei ein Perspektivwechsel wichtig und die Abkehr von bisherigen Mustern wie z. B. dem Kauf eines anderen Stadtwerkes. Vielmehr sei es heute wahrscheinlich klüger, sich an einem branchenfremden Unternehmen zu beteiligen und sich so IT- oder Telko-Kompetenz ins Haus zu holen. Zusammenfassend beklagte Sie in Ihrem Vortrag, das es Ihrer Einschätzung nach in der Branche an "Datenkompetenz" und "Aktivem Unternehmertum" fehle.

Kostensenkung und kundennaher Service als wichtiges Ziel

"Eine neue Generation von Unternehmern will ihren Energieverbrauch selbst steuern und legt grossen Wert auf optimierte Energieeffizienz.", sagt Oskar Loewe von Deutscher Arbeitgeberverband e.V. Ein Drittel der Verbandsmitglieder möchte Kostenstruktur und Effizienz bei der Energiebeschaffung um mehr als 20 Prozent verbessern. Über 70 Prozent der Unternehmen sieht großen Spielraum bei dem Ziel, die eigene Versorgung zu optimieren.  Die dazu angebotenen Maßnahmen seitens der Energieversorger reiche aber nicht mehr dazu aus, um den bei den Grosskunden gewünschten technologischen Wandel zu erreichen. Neue strategische Ansätze sind gefragt durch die sich die Versorger weg von reinen Energieproduzenten zu einem echten Partner wandeln, der seine Kunden mit neuen Dienstleistungen rund um das Thema Energie begleitet. Werden diese Erwartung in Zukunft nicht besser erfüllt, könnten viele Grosskunden selbst als Energieversorger in den Markt eintreten.

Süddeutsche Verlagsgruppe (SV-Veranstaltungen)

Der Deutsche Energiekongress ist eine Spitzenveranstaltung der dt. Wirtschaft. Auch 2016 bot er ein hochkarätiges Forum für den fachlichen Meinungs- und Erfahrungsaustausch und war mit wirtschaftspolitischem Fokus konzipiert. Schirmherr war Oberbürgermeister Dieter Reiter, Landeshauptstadt München. Michael Baumüller, energiepolitischer Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, führte als Moderator virtuos durch den Kongress. Ausrichter war SV-Veranstaltungen, die zur Süddeutschen Verlagsgruppe gehören. Das Team um Claudia Garrels, Mike Aschenbrenner und Nicole Haverkamp führten einen hervorragend und umsichtig organisierten Kongress durch. Die Süddeutsche Verlagsgruppe gehört heute zu den großen deutschen Medienunternehmen mit Aktivitäten im In- und Ausland. Sie hat ihren Schwerpunkt -nach wie vor- im Bereich Zeitungen, Fachzeitschriften und Bücher. Zentrale des Unternehmens ist das SV-Hochhaus im Münchner Stadtteil Zamdorf, gedruckt wird im benachbarten SV-Druckzentrum im Stadtteil Steinhausen.

Über den DAV

Der Deutscher Arbeitgeber Verband e.V. (DAV) ist ein bundes- und europaweiter Zusammenschluss von Unternehmern und Entscheidungsträgern in unternehmerähnlichen Positionen (Vorstände und Aufsichts- bzw. Verwaltungsräte) in bedeutenden Unternehmen sowie Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Forschung und Politik. Der Verband wurde 1948 erstmals mit dem Ziel gegründet, die tragenden Prinzipien der freien Marktwirtschaft im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Der Landesverband Schweiz ist mit der Wahrnehmung und Förderung aller Belange der angeschlossenen Unternehmen in der Schweiz und von dort aus befasst. Auch bietet er Unternehmen Unterstützung bei Planung und Umsetzung notwendiger Schritten zur Sicherung der Arbeitsplätze am Standort Schweiz sowie bei Expansionsprojekten, Marktgang und der Vermittlung vorhandener Produktionskapazitäten.

26. September 2016

 
   


Oskar Loewe

Der Autor lebt und arbeitet seit 2001 in der Schweiz. Zunächst als Geschäftsführer in Produktionsunternehmen tätig, wechselte der gelernte Boots- und Schiffbaumeister und Dipl. Betriebswirt 2009 als Geschäftsführer Schweiz in einen bekannten dt. Mittelstandverband. Seit 2015 ist er als Geschäftsführer Schweiz bei Deutscher Arbeitgeber Verband tätig.