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Ich SELBST trage die VERANTWORTUNG für mein Leben.

 
 

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Erich Weede

Selbstverantwortung und Subsidiarität
Warum wir mehr davon brauchen

Ausgangspunkt meiner von Popper und Hayek inspirierten Überlegungen ist die Einsicht, dass Menschen sich irren können, dass sie es immer wieder tun, dass auch Autoritätspersonen und Amtsinhaber von der menschlichen Fehlbarkeit betroffen sind. Deshalb ist es erforderlich, die Reichweite der unvermeidlichen Fehlentscheidungen zu minimieren, Anreize zur Fehlervermeidung zu setzen bzw. das Bemühen darum zu stärken, auch Korrekturmöglichkeiten offen zu halten und zu schaffen. Die Reichweite von Fehlentscheidungen nimmt ab, wenn viele kleine Leute viele Entscheidungen treffen dürfen statt Entscheidungskonzentration bei wenigen Autoritätspersonen. Das Bemühen um Fehlervermeidung nimmt zu, wenn Menschen die Folgen von Entscheidungen, auch und gerade von Fehlentscheidungen, selbst tragen müssen. Deshalb kann man mit Hayek die Verantwortung als Kehrseite der Freiheit auffassen. Dezentrale Entscheidungen und Haftung für die Folgen sind auch wichtig, um Machtkonzentrationen zu vermeiden. In Anbetracht der Fallibilität des Menschen ist es wichtig zu erkennen: Wer mächtig ist, kann sich gegen die Zumutung der Fehlerkorrektur wehren. Das Subsidiaritätsprinzip bzw. die Forderung, die Entscheidungsgewalt auf der niedrigsten möglichen Ebene – Individuum vor Gruppe, Familie oder Betrieb vor politischen Einheiten, Kommune vor Land, Land vor Staat, Staat vor EU – anzusiedeln, ist damit kompatibel. Letztlich kann und sollte man die freie Marktwirtschaft, auch eine weitgehende Autonomie der Wirtschaft vom Staat, mit der Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen rechtfertigen.

Ein Unternehmer, der in einer freien Marktwirtschaft schlechte Produkte oder Dienstleistungen zu hohen Preisen anbietet, wird die Folgen tragen müssen: Die Kunden laufen weg. Er geht bankrott. Weil er das weiß, wird er schon bei den ersten Anzeichen von Kundenflucht über Qualitätsverbesserungen und/oder Preissenkungen nachdenken. Die Anreize zur Fehlerkorrektur funktionieren rund um die Uhr. In der Politik und im ihr unterstehenden öffentlichen Dienst ist der Korrekturdruck notwendigerweise schwächer, weil vom Wahltermin abhängig, auch weil Politik eine Vielzahl von Entscheidungen bündelt, die meist weder alle falsch, noch alle richtig sind, weshalb der Wähler Schwierigkeiten hat, auf konkreten Korrekturbedarf hinzuweisen. Der Vorteil einer umfangreichen und vitalen Privatwirtschaft besteht darum nicht zuletzt in der Entlastung der Politik und der Reduzierung des Gewichts von Kollektiventscheidungen.

Bei Entscheidungszentralisierung und Kollektiventscheidungen ist das Übernehmen von Verantwortung – im Sinne des Tragens der Folgen von Fehlentscheidungen – unmöglich. Wenn man nur an die finanziellen und damit grundsätzlich quantifizierbaren Folgen von Fehlentscheidungen denkt, ist offensichtlich, dass kaum ein Politiker in der Lage ist oder sein wird, die finanziellen Folgen seiner Fehlentscheidungen auf sich zu nehmen. Hinter den gewählten Politikern stehen in der Demokratie die Wähler. Tatsächlich haften sie für politische Fehlentscheidungen im Ausmaß ihrer Steuerpflicht und nicht in Abhängigkeit davon, ob sie eine mehr oder weniger vernünftige Politik unterstützt haben. Auch auf der Ebene des Wählers lässt sich das Verantwortungsprinzip nicht durchsetzen. Schlimmer noch: Die meisten Wähler haben keinen Anreiz, ihre Wahlentscheidung auch nur zu durchdenken. In der Massendemokratie muss das Wahlergebnis von den Entscheidungen der Anderen abhängen und nicht von der eigenen. Für die Masse der politisch nicht besonders interessierten Menschen gilt deshalb, dass sie nicht nur ignorant sind, sondern rational ignorant.  Diese Defizite kollektiver und politischer Entscheidungen bedeuten zwar nicht, kollektive Entscheidungen und Politik vermeidbar sind – das glaube ich nicht – aber dass man sie durch die Prinzipien von Selbstverantwortung und Subsidiarität von Überlastung schützen muss.

22. August 2016

 
   


Erich Weede

1978 bis 1997 Professor für Soziologie an der Universität Köln.
1985/86 Vice President der 'International Studies Association'.
1997 bis 2004 Professor für Soziologie an der Universität Bonn.