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Parviz Amoghli

Die Ruhepause

Der Start in die Saison 1988/89 fühlte sich ungewöhnlich gut an. Viel besser als in den Jahren zuvor. Um genau zu sein: so etwas hatte ich seit meinem ersten Rennen als Wettkampfschwimmer eine Dekade zuvor noch nicht erlebt.

Normalerweise waren die ersten Wochen nach der Sommerpause, wenn zur Stärkung der Grundlagenausdauer Kilometer um Kilometer `gemacht´ wurden, stets eine schrecklich langweilige Angelegenheit gewesen, ein zwar notwendiges, nichtsdestotrotz aber stupides Kachelzählen an der Schwelle zur anaeroben Energiebereitstellung.
In diesem Jahr aber war es anders. Irgendetwas war passiert. Schon nach ein paar Einheiten stellte sich ein bis dahin ungekanntes Körper- und Wassergefühl ein. Es war, als würde ich zum ersten Mal wirklich schwimmen. Das nasse Element war nicht länger etwas, gegen das ich anarbeiten musste, sondern das ich mir zunutze machte. Statt das Wasser nach hinten wegzudrücken, zog ich mich nun daran, wie an einem Sportgerät nach vorne. Angesichts dessen verloren sogar Serien wie 4x1500 ihren Schrecken.

Dass es sich dabei keineswegs nur um ein Strohfeuer handelte, bestätigte sich im folgenden Trainingsblock, dem Mischtraining. In dieser Phase ging es ans Eingemachte, wurden die Grenzen körperlicher Leistungsfähigkeit zuerst ausgelotet um anschließend weiter hinaus geschoben zu werden. Die Umfänge verringerten sich, dafür aber wurden die Laktatwerte mitunter zweistellig. Das war zwar hart, aber nach der vorausgegangenen Eintönigkeit eine willkommene Abwechslung, jedenfalls für Kurz- und Mittelstreckler, wie ich es einer war. Außerdem machte es Spaß sich selbst zu fordern und auch zu überwinden.

Letzteres brauchte ich im Herbst '88 allerdings nicht. Alles ging wie von alleine, fast jede Woche sah eine Korrektur der zu schwimmenden Trainingszeiten nach unten. Es war eine wahre Lust und Freude zu schwimmen.

Das schlug sich natürlich auch in den Wettkampfergebnissen wieder. Je näher der Saisonhöhepunkt am ersten Dezemberwochenende rückte, umso besser kam ich in Form. Als es dann soweit war, purzelten die Bestzeiten über meine Lieblingsstrecken, 100 und 200 Rücken sowie die 100 Schmetterling, in Halbsekundensprüngen, so dass das Ende der Wintersaison die Qualifikation für den Landeskader und darüber hinaus den Eintrag in die bundesdeutsche Jahrgangsbestenliste über die lange Rückendistanz sah. Das ließ für die, ein halbes Jahr später anstehenden Meisterschaften einiges erwarten. Plötzlich rückte sogar eine Endlaufteilnahme bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften in den Bereich des Möglichen.

Kurzum: gerade achtzehnjährig hatte ich den Höhepunkt körperlicher Leistungsfähigkeit erreicht. Und ich fühlte, es war noch mehr drin. Vorausgesetzt natürlich, es gelänge, meine Form und das neue Wassergefühl zu erhalten. Aber da machte ich mir kurz vor Weihnachten '88 wenig Gedanken. Schließlich wusste ich nun, wie man richtig schwimmt. Das konnte mir keiner mehr nehmen. 

Die letzte Einheit des Jahres am Vormittag des Heiligen Abend war dann alles in allem nicht mehr als ein Ausschwimmen, eine letzte aktive Erholung vor dem Urlaub. Zum Abschied gratulierte der Trainer seinen Schützlingen zu einem erfolgreichen Wettkampfhalbjahr und wünschte ihnen ein paar geruhsame Tage bis zur offiziellen Wiederaufnahme des Trainings am 2. Januar. Sie alle hätten sich die Pause redlich verdient. Wer es aber dennoch nicht sein lassen könnte und ein paar Bahnen schwimmen wollte, der wäre natürlich herzlich dazu eingeladen. Das Bad wäre täglich zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet. Allerdings, das betonte er nochmals, es wäre keine Pflicht und die Anwesenheit würde nicht kontrolliert werden. Ob sie kommen wollten und nicht, wäre einzig und alleine die Entscheidung eines jeden Einzelnen.

Also ich entschied mich. Was waren sieben Tage schon gegen die sechsmal solange Pause im Sommer? Eine Woche Müßiggang würde sicher nicht schaden, nicht in der Verfassung, in der ich mich befand. Vielmehr konnte ich eine Ruhepause sehr gut gebrauchen, der Trainer hatte es ja selbst gesagt.

Der 2. Januar zeigte, wie falsch diese Entscheidung war. Eine Woche ohne einmal in Wasser gesprungen zu sein reichte, um Monate zurückgeworfen zu werden. Als hätte es das letzte Halbjahr nicht gegeben, war aus dem Sportgerät wieder jenes Element geworden, durch das ich mich durchzukämpfen hatte. In den folgenden Monaten stagnierten die Leistungen, von Endlaufteilnahmen war keine Rede mehr, nun ging es nur noch darum sich überhaupt für die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften zu qualifizieren.

An Entschuldigungen dafür hatte es nicht gemangelt. Mal hatte ich schlecht geschlafen, mal waren die Leinen schuld, die zu viele Wellen von den Nachbarbahnen durchließen, mal war es die Temperatur des Wassers; und wenn alles nichts half, war das Becken einfach zu langsam.

Doch es half alles nichts. Denn natürlich trug weder das Wasser noch das Becken noch irgendetwas anderes die Schuld daran, dass ich das Schwimmen wieder verlernt hatte. Es war einzig und allein meine Entscheidung gewesen. Was in den sieben Tagen zwischen den Jahren abhandengekommen war, war unrettbar verloren, egal wie verbissen und wütend ich in den folgenden Monaten auch versuchte, das Gegenteil zu beweisen. Es war sinnlos.  

Ein Jahr später hat schließlich die Frustration über die Wut auf mich selbst gesiegt. Um eine schmerzhafte Erfahrung von Eigenverantwortung reicher, hängte ich die Badehose an den Nagel.

29. August 2016

 
   


Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat.