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Interview mit dem Bischof von Passau, Dr. Stefan Oster

"Ein angepasstes Christentum verliert jedes Profil"

Peter Schmidt: Oswald von Nell-Breuning hat das Prinzip der Subsidiarität – Selbstverantwortung als Voraussetzung eines würdevollen Lebens – in kurzer Form so beschrieben: "Dasjenige, was der Einzelmensch mit seinen eigenen Kräften leisten kann,  darf ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden". Denken Sie, dass diesem Prinzip in der katholischen Kirche noch immer die entsprechende Anerkennung gegeben wird?

Bischof Stefan Oster: Das ist eine sehr komplexe Frage, die man aus meiner Sicht nicht pauschal beantworten kann. Dass es darum geht, grundsätzlich vom einzelnen Menschen her zu denken, ist und bleibt zentral. Es ist aber auch Konsequenz der christlichen Einsicht, dass jeder Mensch unverlierbare Würde hat und Ebenbild Gottes ist. Wenn diese Einsicht aus dem Blick kommt oder aus den Herzen der Menschen verschwindet, neigen wir sowohl als Kirche wie auch als Gesellschaft tendenziell eher zur Entmündigung des einzelnen Menschen.

Peter Schmidt:  Nun ist in den letzten beiden Generationen der "Geist der Zeiten" in eine andere Richtung gedreht. Das Bestärken der Menschen in Opferrollen und in echten oder gefühlten Benachteiligungen wird als "gute Tat" schlechthin empfunden.  Wer an Prinzipen wie "Hilfe zur Selbsthilfe" erinnert oder jedem zwar das Recht zugesteht, hinzufallen, aber auch dessen Verpflichtung sieht, alles dafür zu tun, um aus eigener Kraft wieder aufzustehen, sieht sich einem moralischen Empörungssturm ausgesetzt. Ist die Kirche an diesem Punkt nicht aufgerufen, die alte Forderung nach einem Leben in Selbstverantwortung wieder deutlicher zu artikulieren?

Bischof Stefan Oster: Ja, aber auch hier hilft meines Erachtens nicht der generelle Appell. Denn der allgemeine Aufruf zur Selbstverantwortung entspricht auch nicht dem stets notwendigen Blick auf den Einzelnen. Denn erst von diesem, sehr konkreten Blick her lernen wir verstehen, wer die Verantwortung für sein eigenes Leben wirklich übernehmen kann und soll - und wer nicht. Dem, der es nicht kann, hilft ein allgemeiner Appell, es doch bitte zu tun, gar nichts. Grundsätzlich gilt freilich, dass Hilfe so gut es geht Hilfe zur Selbsthilfe sein soll, also auch zur Befähigung (neudeutsch: Empowerment) der Übernahme von Selbstverantwortung.

Peter Schmidt: Papst Benedikt hat in seiner Freiburger Rede gesagt: "In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass nämlich die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit." Benennt dies auch die Gefahr, dass die Kirche den leichten Weg geht und dem Zeitgeist nach dem Munde spricht?

Bischof Stefan Oster: Ja, natürlich. Das Evangelium ist zwar einerseits zutiefst menschengemäß. Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene ist die Antwort auf die entscheidenden Fragen aller Menschen und auch die Erfüllung ihrer tiefsten Bedürfnisse. Aber andererseits ist eben dieses Evangelium oft auch quer zur Welt und ihren Zielen, weil sein "Menschengemäßes" sich nur unter der Voraussetzung von Umkehr erfüllt. Entgegen dem sind wir in unserer Kirche häufig versucht, ein Evangelium bloßer Humanität zu verkünden, das den gegenwärtigen Status des Wohlergehens rechtfertigt, aber nicht mehr zur Umkehr, zur Neugeburt, zur wirklichen Beziehung mit Christus ruft. Wir neigen also beständig zu Kompromissen - in der Hoffnung, wir könnten die Botschaft vom Kreuz umgehen und trotzdem noch irgendwie Christen sein. Aber ein solches angepasstes Christentum verliert am Ende jedes Profil: Es wird weggeworfen, wie das schale Salz, von dem Jesus im Evangelium spricht -  weil es belanglos geworden ist und letztlich in humanistischer Ethik aufgeht. Und für die brauche ich keinen Glauben. 

Peter Schmidt: Die evangelische Kirche hat diesen Weg des "dem Zeitgeist nach dem Munde sprechen" damit bezahlt, von einer jenseitigen Kirche in eine diesseitige NGO zu mutieren. Die Heftigkeit, in der sie politische Ziele formuliert lässt sogar Zweifel aufkommen, ob sie die erkämpfte Trennung von Kirche und Staat noch als gültig sieht. Viele Katholiken haben Sorge, das auch ihre Kirche sich diesem vermeintlich leichten Weg anschließt. Halten Sie diese Bedenken für unbegründet?

Bischof Stefan Oster: Über die evangelischen Geschwister möchte ich hier nicht urteilen. Aber dass die Kirche zu allen Zeiten in der Geschichte auch gefährdet war und bleibt, sich korrumpieren zu lassen, ist evident. Und womöglich ist eine kapitalistische Wohlstandsgesellschaft in dieser Hinsicht auf lange Sicht noch gefährlicher als z.B. eine Gesellschaft, in der der Glaube offen bekämpft oder verfolgt wird. Das heißt nicht, dass wir nicht mitten in dieser Zeit und Gesellschaft nach Wegen suchen sollen, wie wir mit allen Menschen guten Willens Wege nach einer gerechteren Welt und Gesellschaft finden können. Aber eben nicht um die Preisgabe dessen, was unser Innerstes ist: Dass der Mensch nur durch Christus erlöst wird und dass diese Welt der Ort der Entscheidung darüber ist, ob einer ins Reich Gottes findet oder nicht.

Peter Schmidt: Die Kräfte, die seit Jahrzehnten Kirche und christlichen Glauben mit Häme, Hohn und Spott übergiessen und sich zivilcouragiert fühlen, wenn Sie ein Kreuz aus einem Schulraum herausklagen – diese Kräfte erweisen sich derzeit als größte Befürworter einer Religion, die bis heute den Prozess der Trennung von Kirche und Staat nicht vollzogen hat und deren Weltbild weit hinter der europäischen Aufklärung zu Hause ist. Hat das Christentum in Deutschland keine "Lobby" mehr?

Bischof Stefan Oster: Wenn Sie mit der erwähnten Religion den Islam meinen, dann möchte ich zunächst sagen, dass der Vergleich "Trennung von Kirche und Staat" missverständlich ist: das Wort Kirche bezeichnet nämlich ein komplexes Phänomen, das es in anderen Religionen nicht gibt.

Das Gespür für die "fehlende Lobby" des Christentums scheint mir hingegen nicht ganz falsch, wenn man hier wirklich entschiedenes Christentum gemäß dem Evangelium meint. Man darf ja nicht vergessen, dass in unserem Land immer noch etwa 48 Millionen Menschen einer christlichen Kirche angehören. Aber das Dilemma scheint mir eben genau dieses: Durch einen meist unreflektierten Lebensstil des Kompromisses zwischen (vermeintlichem) Glaubensleben mit der Wohlstandsgesellschaft hat sich untergründig unter den vielen Getauften das Bewusstsein breit gemacht, der Versuch ein wenig anständig zu leben und ein paar Werte zu vertreten, sei schon Christentum. Und beinahe jeder, der dann einmal wirklich die Herausforderungen des Evangeliums offen benennt, macht sich aus einer solchen Perspektive des Fundamentalismus verdächtig. Aber das will natürlich keiner sein. Also vertritt man großflächig auch innerhalb des Christentums eine Art "Humanismus der Nettigkeit" – und stellt sich damit unterschwellig gegen jede Art eines Christentums, das die anstößigen Herausforderungen Jesu wirklich ernst nimmt.  

Peter Schmidt: Noch einmal zurück zur Selbstverantwortung. Beethoven, schon blind und taub und doch den Kopf voller Werke, die er vollenden wollte, schrieb den Satz "Oh, Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen". Per aspera ad astra. Wer den Menschen verschweigt, dass es immer eines selbst zu erbringenden Kraftaufwandes bedarf um Gebender und Nehmender sein zu können verweigert dem Menschen ein Leben in Würde. Das Unpopuläre zu verschweigen, ist immer der bequeme Weg. Wer muss den ersten Schritt tun, um aus dieser Schweigefalle zu entkommen?

Bischof Stefan Oster: Alle, die ernsthaftes Interesse am Evangelium und am Glauben der Kirche haben. Ich möchte das noch einmal deutlich sagen: Es gibt in unserem Glauben keinen Heilsautomatismus; nicht jeder ist automatisch dabei, nur weil er seinem Nachbarn nichts tut. Das Evangelium sagt überdeutlich: Gerettet werden wir nur durch den Glauben an Christus, durch die konkret gelebte, vertrauensvolle Beziehung zu ihm, durch Gebet, durch Lesen der Schrift, durch Teilnahme an den Sakramenten und am Leben der Kirche – ein Leben in Beziehung, das sich dann auch in Taten der Liebe auswirkt und konkretisiert.

Das Interview führte Peter Schmidt, Präsident des DAV

26. September 2016

 
   


Dr. Stefan Oster

Dr. Stefan Oster ist römisch-katholischer Bischof von Passau.

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