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Dr. Dr. David Berger

Hört endlich auf,
euch permanent als Opfer zu fühlen!
Ein Plädoyer für Selbstverantwortung in der Schwulenbewegung

Homosexuelle blicken in Deutschland auf eine lange Geschichte von Verfolgung und Diskriminierung zurück. Erwähnt sei nur der § 175, der Homosexualität seit 1872 kriminalisierte und im Nationalsozialismus noch einmal verschärft wurde, so dass Homosexuelle mit zu den Opfergruppen gezählt werden müssen, die in den Konzentrationslagern gequält und hingerichtet wurden. Auch nach 1945 wurde diese Kriminalisierung streng genommen bis zur ersatzlosen Streichung des Paragraphen 1994 – ab 1973 freilich in deutlich entschärfter Form – fortgesetzt.

Dies mag mit ein Grund sein, dass in dieser soziologischen Gruppe der Opferstatus, von älteren Homosexuellen und den Homosexuellenverbänden an die Jüngeren weitergegeben, nach wie vor eine große Rolle spielt. Und das obwohl in Deutschland seit geraumer Zeit von einer offiziellen Diskriminierung Homosexueller nicht mehr die Rede sein kann. Nie waren Homosexuelle so gut integriert und akzeptiert wie das heute der Fall ist. Ein Zustand, von dem ich noch in meiner späten Jugend Ende der 80er Jahre nur träumen konnte (http://www.cicero.de/berliner-republik/kulturkampf-der-homophilen-schwulsein-ist-nur-eine-normale-ausnahme/56849). Die steigende Gewalt gegen Homosexuelle, die vor allem in Großstädten zu verzeichnen ist, geht zum allergrößten Teil von jungen Männern mit zumeist muslimischem Migrationshintergrund aus und steht im krassen Gegensatz zu den Grundwerten und -ideen, die Staatswesen, Gesellschaft und Medien offiziell hochhalten. Selbst sehr konservative Gruppen, von strikten Katholiken bis hin zu AfD-Politikern engagieren sich inzwischen unüberhörbar gegen diese neue Gewalt – während gleichzeitig jene, die sonst penetrant auf den Opferstatus Homosexueller hinweisen, dazu auffällig schweigen. (https://philosophia-perennis.com/2016/09/25/news-gewalt-gegen-homosexuelle/)

Das Beharren auf dem Opferstatus spielte bereits 2006 in den Diskussionen um das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AAG) eine wichtige Rolle. Zwar betrifft dieses ganz allgemein die Diskriminierung bei Vertragsschlüssen wegen bestimmter Merkmale, die über die sexuelle Orientierung hinausgehen (Geschlecht, Alter, Religion). Aber es waren vor allem die lauten Rufe von Homaktivisten wie Volker Beck (Grüne), die dazu geführt haben, dass das AGG im Bereich des Arbeitsrechts tatsächlich solch extrem einschneidende Veränderungen hervorgerufen hat. So etwa eine für deutsches Rechtsverständnis völlig ungewöhnliche Klausel, die die Beweislast umkehrt und nun beim "Angeklagten" bzw. in diesem Fall beim Arbeitgeber sucht: "Wenn im Streitfall die eine Partei Indizien beweist, die eine Benachteiligung wegen eines in § 1 genannten Grundes vermuten lassen, trägt die andere Partei die Beweislast dafür, dass kein Verstoß gegen die Bestimmungen zum Schutz vor Benachteiligung vorgelegen hat." (Artikel 22 des AGG).

Dieser Artikel zeigt nicht nur eine seltsame Umkehrung unseres Rechtsverständnisses, sondern stellt zugleich Arbeitgeber unter einen Generalverdacht. Das kann sich meiner Erfahrung nach gerade im Bereich der "Diskriminierung wegen homosexueller Identität" besonders katastrophal auswirken. Ich war mehr als drei Jahre vor allem im Homo-Journalismus unterwegs, davon knapp zwei Jahre als Chefredakteur bei Deutschlands größte Gay-Magazin. Es verging kaum eine Woche, in der sich nicht ein schwuler Mann bei mir meldete - mit der Beschwerde, er habe die von ihm favorisierte Arbeitsstelle oder eine Wohnung deshalb nicht bekommen, weil er homosexuell sei. Ich solle darüber doch einen Bericht bringen. In dem ersten Jahr ging ich fast jedem dieser Fälle ausführlich nach, bei einem ausführlicheren Gespräch ergab sich dann – bis auf zwei Ausnahmen - sehr schnell die Erkenntnis, dass für die Ablehnung des Bewerbers ganz andere schwerwiegende Gründe vorlagen (fehlende Schulabschlüsse, keine Elternmietgarantien bei Studenden usw.). Meist wurde dann die Problematik von den Betroffenen einfach an frühere Instanzen "weitergereicht": Der fehlende Schulabschluss oder negative Andeutungen in Arbeitszeugnissen mit den Problemen beim Coming out oder einem "homophoben Lehrer", die ausbleibende Unterstützung der Eltern mit einem homophoben Vater usw.

Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass es solche unglücklichen Konstellationen, nachhaltig traumatisierende Kindheits- und Jugenderfahrungen nach wie vor auch in Deutschland gibt, in zunehmendem Maße auch aufgrund der Zerrüttung der klassischen Familienstrukturen. Aber kein AGG der Welt kann diese aufhalten.

Ganz im Gegenteil entsteht zu oft der Eindruck, dass solche Gesetze zwar die Sensibilität für Diskriminierungen in der Gesamtgesellschaft erhöhen, aber eben auch bei den Betroffenen dafür sorgen, dass sie sich extrem in ihre Opferrollen hineinsteigern (Selbst-Viktimisierung), was sie wiederum hemmt, optimistisch und vorurteilsfrei an neue Aufgaben heranzugehen. In jedem Gegenüber sehen sie zuerst und vor allem einen potentiellen Diskriminierer. So entsteht ein fataler Teufelskreis, dem sie unter normalen Umständen nur schwer entrinnen. Oft führt er zu einem weiteren Sich-versteifen in der Opferrolle.

17. Oktober 2016

 
   


Dr. Dr. David Berger

David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion und Habilitation viele Jahre Professor im Vatikan, eine Tätigkeit, die mit seinem Outing 2010 endete.

Von 2013-2015 Chefredakteur von Deutschlands größtem Magazin für schwule Männer. Seit 2015 freier Journalist und Publizist in Berlin und Nizza. Sein Buch "Der heilige Schein" (Ullstein Verlag) wurde zum Bestseller.

Sein Blog: http://philosophia-perennis.com