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Ich SELBST trage die VERANTWORTUNG für mein Leben.

 
 
 
 
 

Notker Wolf, Abtprimas

Eigenverantwortung und Subsidiarität
– ein Blick zu den Benediktinern

In der Mönchsregel Benedikts von Nursia (480-547) findet sich der markante Satz: "Nur dann sind sie wahre Mönche, wenn sie wie unsere Väter und Apostel von ihrer eigenen Hände Arbeit leben" (Kap 48,7). Diese Haltung prägt die Benediktinerklöster bis heute. Autonomie und Autarkie sind zwei wichtige Prinzipien. Die Benediktinerklöster sind zwar heutzutage auch in Verbänden zusammengeschlossen, sogenannten Kongregationen, jedes Kloster aber bleibt selbständig und eigenverantwortlich, natürlich auch mitverantwortlich für das Wohl der andern Klöster einer Kongregation. Der Abt und die Mönche sind eigenverantwortlich für das Wohl und Wehe einer Gemeinschaft.

Dadurch sind auch internationale Zusammenschlüsse möglich, trotz der Unterschiedlichkeit der Kulturen. Jedes Kloster hat seine eigene Geschichte und Tradition. Es geht geradezu eine Verbindung mit der Region ein, in der es sich befindet. Wie ein Unternehmen trägt es die Region mit und empfängt seinerseits von der Region.

Unter den Klöstern einer Kongregation herrscht ein reger Austausch, sie unternehmen gemeinsame Bildungsveranstaltungen für ihre Kandidaten, sie tauschen bei den Treffen ihre Erfahrungen aus, und alle paar Jahre halten die Äbte und gewählten Konventvertreter eine oberste Versammlung, das Generalkapitel, bei dem die gemeinsame Policy für die kommenden Jahre festgelegt wird. Autonom, aber solidarisch gemeinsam, so könnte man die Devise formulieren.

Es gibt auch einen Zusammenschluss der Benediktinerkongregationen in der sogenannten Benediktinerkonföderation mit einem auf Zeit gewählten Abtprimas als oberstem Repräsentanten. Er soll aber nicht nur repräsentieren, sondern die Einheit und die Zusammenarbeit unter den Klöstern fördern – und das ohne juristische Machtbefugnis. Ein Abtprimas kann nicht in die Angelegenheiten der Klöster hineinregieren, weder positiv etwas befehlen noch negativ etwas verbieten oder verhindern. Die Einheit und Zusammenarbeit trotzdem zu bewerkstelligen, bleibt der Kunst der Führung des Abtprimas überlassen. "Mehr vorsehen als vorstehen," auch das ist eine Anweisung der Regel Benedikts, "mehr helfen als herrschen" (Kap. 64,8).

Ich denke dabei immer wieder an die Krisen der EU. Herrscht bei den Behörden nicht zu sehr ein zentralistisches Denken vor anstelle eines föderativen? Warum müssen in Brüssel so viele Dinge bis in die Details reguliert werden? Die EU ist ein Gebilde aus vielen Kulturen. Das ist ihr Reichtum. Warum sollte dann nicht viel mehr nach dem Prinzip der Subsidiarität geführt werden, indem Dinge den einzelnen Ländern überlassen bleiben, die sie selbst regeln können. Autonomie der Mitglieder erfordert allerdings eine enge Zusammenarbeit. Je autonomer die Mitglieder sind, dessen solidarischer müssen sie zusammenarbeiten und auf ihre Egoismen verzichten. Zentralismus ist bequemer, aber er entbindet die einzelnen ihrer Verantwortung.

Und beraubt sie ihrer Würde. Ich habe viele Jahre in Rom gelebt und mitbekommen, wie empfindlich die Italiener auf herablassende Bemerkungen deutscher Politiker reagieren. Genau das scheint mir das gegenwärtige Problem der Auseinandersetzungen zu sein. Alle haben ihren Nationalstolz, ein Bewusstsein um den Wert ihrer eigenen Lebenskultur.

Das sollte auch für jeden Einzelnen gelten. Eigenverantwortung für sein Leben zu übernehmen, gehört zur Würde der Person. Wir brauchen Hilfe, um in unserer Gesellschaft zu überleben, aber sie muss subsidiär bleiben. Der heutige Trend, bei allem nach dem Staat zu rufen, ist Gift. Wir verlagern die Verantwortung nach außen, auf andere, und entwerten uns selbst. Ein Ein-Euro-Job-Arbeiter, ein Landschaftsgärtner, erklärte mir, auch wenn er nicht mehr verdiene als bei Hartz IV, so wisse er doch am Abend, was er getan habe, und er sei wieder unter Menschen gewesen. Er ist wieder Wer.

Natürlich muss man dann auch von der eigenen Hände Arbeit leben können, will man der Devise Benedikts folgen. Das ist heute eine große Frage, die sich gerade an die Unternehmer richtet. Nicht nur der Arbeitnehmer trägt Verantwortung, sondern der Arbeitgeber trägt auch eine Mitverantwortung. Diese Frage führt zu unterschiedlichen Meinungen und zurecht oft zu harten Auseinandersetzungen. Und doch muss jeder, so er seiner Würde gerecht werden will, zunächst die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Hilfe wird dort "subsidiär" nötig, "unterstützend", wo seine Kräfte und Möglichkeiten nicht ausreichen.

28. Novemer 2016

   


Notker Wolf

Notker Wolf war von 2000 bis 2016 Abtprimas der benediktinischen Konföderation.