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Texte zur Freiheit

 
 
 
 
 

Parviz Amoghli

Das Negativ - Teil II

Hervorgegangen aus der '68er Bewegung war die Berliner Republik von Beginn an als ein Gegenprojekt der Kinder zum Reich der Eltern angelegt. Weshalb sie auch dreißig Jahre nach deren Marschantritt durch die Institutionen und im selben Atemzug mit der Ausrufung des Neuen Deutschlands, kurzerhand dessen Gründungsmythos in die Baracken von Auschwitz verlegten. Ein Fußballspiel im Berner Wankdorfstadion reichte für die Absichten der neuen Eliten offensichtlich nicht mehr aus.

Anfänglich noch abgebremst von einem bodenständigen "Genossen der Bosse", dem das ökonomische Hemd näher war als der moralische Heiligenschein, hat das Projekt "Zweiter antifaschistischer Staat auf deutschem Boden" seit Ende der 00er Jahre endgültig Fahrt aufgenommen. Inzwischen hat das politische Sektierertum extremistischer Kreise auf den Parlaments- und Regierungsbänken sowie in den Amts- und Redaktionsstuben der Republik Platz genommen. Von dort aus versuchen die antifaschistischen Aktivisten die Gesellschaft neu und nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu konstruieren. Weil diese aber nicht über die Negation faschistischer Wünsche und Vorstellungen hinausgehen, bedeutet dies deren bloße Umkehrung. So wird aus grenzenloser Verehrung der Nation und nationaler Kultur der blanke Hass darauf, aus Volksgemeinschaft Vielvölkergemeinschaft und aus Rassewahn ein antirassistischer Wahn, in dem der Herkunft und Identität im Meer der Kulturen keine Bedeutung mehr zukommt, jedenfalls dann nicht, wenn es sich um eine mitteleuropäische handelt.

Doch wie das mit dem verzweifelten Verlangen alles anders und besser machen zu wollen als die Vorgängergenerationen nun mal so ist, ist dies ein schwieriges bis hoffnungsloses Unterfangen. Man kennt das aus familiären Verhältnissen, wenn sich Pubertierende gegen die Familie auflehnen und ihre Abstammung mit allen Mitteln zu verleugnen suchen. Allein, sie können nicht wider ihrer Natur. Kommen sie selbst in Verantwortung, brechen die ererbten Verhaltensmuster durch, wiederholen die Jungen die Fehler der Alten, wenngleich in einem zeitgemäßen Gewand.

Ganz ähnlich verhält es sich wohl mit dem Antifaschismus der Berliner Republik. Endgültig zum Staatsglauben avanciert, besinnt er sich nun der Mittel, die schon vor mehr als achtzig Jahren in die Unfreiheit geführt haben. So sind heute bereits Bespitzelung, Denunziation, Ausgrenzung und Einschüchterung politisch Andersdenkender an der Tagesordnung. Wo das nicht funktioniert, zum Beispiel bei renitenten Plattformen im Internet, hagelt es Drohungen und Boykottaufrufe, die ihre Verwandtschaft mit der "Mutter alles Hashtags" (Broder) nicht leugnen können: "Kauft nicht bei Juden". Aber dabei bleibt es schon längst nicht mehr. Mittlerweile gehört auch Gewalt gegen "Unanständige" zur Normalität antifaschistischer Machtausübung. Büros unliebsamer Parteien werden ebenso wie deren Vertreter attackiert, Autos gehen in Flammen auf, Fassaden werden besudelt und Kinderzimmerfenster eingeschmissen; Plakate werden abgerissen, Informations- und Wahlkampfstände angegriffen sowie Wahlkämpfer überfallen, verletzt und mitunter auch beschossen. Von den antifaschistischen Eliten ist dazu nicht viel zu hören. Warum auch, schließlich haben die Andersdenkenden die Übergriffe selbst provoziert…

Verantwortlich für solche Aktionen zeichnen Gesinnungsschläger, die sich nur durch ihre schwarzen Kapuzenjacken von den Braunhemden früherer Zeiten zu unterscheiden scheinen. Strafverfolgung brauchen sie nicht zu fürchten. Schließlich sind sie Fleisch vom Fleische des Neuen Deutschlands. Und weil das so ist, reihen sich auch immer mal wieder Würdenträger des antifaschistischen Projektes bei ihren Fußtruppen ein, währenddessen die Regierung den Etat für die Herstellung von ideologischer Ordnung und Sauberkeit im Lande verdoppelt beziehungsweise die Verlautbarungsorgane der Berliner Republik zum Lobgesang auf die Machenschaften der ideologisierten Schlägerbanden anheben: "Danke, liebe Antifa!".

Da ist es nur folgerichtig, dass auch die Justiz nicht außen vor bleiben möchte. Daher werden in der Berliner Republik zunehmend Meinungsvergehen geahndet. Aufkleber rufen den Staatsschutz auf den Plan, Bewährungs- oder Geldstrafen für Facebook Posts oder sonst wie vorgetragene kritische Meinungsäußerungen sind keine Seltenheit. Damit fassen die Gedankenverbrecher ungefähr dieselben Strafen aus wie Vergewaltiger, Körperverletzer oder sonstige Gewalttäter. Vorausgesetzt natürlich, letztere gehören zu den privilegierten Gruppen der Berliner Republik. Dann haben sie, ungeachtet dessen, was und wieviel sie in den Jahren davor verbrochen haben, auf jeden Fall eine günstige Sozialprognose zu erwarten.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Im Gegenteil, es steht zu befürchten, dass die Situation eskaliert. Einmal, weil der Antifaschismus der Berliner Republik sein Repertoire an Hygienemaßnahmen noch lange nicht ausgeschöpft hat. Allerdings hat es derzeit den Eindruck, dass sich dies ändert und man seitens der Mächtigen gewillt ist, härtere Saiten aufzuziehen. Die Gangart jedenfalls verschärft sich. Nicht nur, dass Frauenmagazine ihren Leserinnen mittlerweile erklären, wie man einen politisch inkorrekten Partner erkennt und sich von ihm trennt, oder Apothekerzeitschriften bei der Enttarnung von Rechten im Alltag helfen oder Nutzer von Sozialen Medien aufgrund von Meinungsäußerungen vermehrt mit polizeilichen und staatsanwaltlichen Maßnahmen rechnen müssen. Darüber hinaus lassen auch die Aktivitäten rund um das Justizministerium und die von ihm mit der Säuberung des Internets von so genannten "Hassbotschaften" beauftragten Task Force, nichts Gutes befürchten. Ihre Installierung ist ein weiterer deutlicher Schritt weg von der Demokratie, hin zum totalitären Bewegungs- und Ideologiestaat. Und der nächste zeichnet sich mit der "Fake-News"-Kampagne bereits ab.

Allerdings ist von der Repression nur ein kleiner, wenn auch stetig wachsender Teil der Bevölkerung betroffen, nämlich die Renitenten, die vom wahren Glauben Abgefallenen, die Exkommunizierten. Die anderen sollen mit Riesenburgern und sportlichen Großereignissen ruhig gestellt und ansonsten therapeutisch mittels flächendeckender Indoktrination und Propaganda an die Hand genommen werden. Wobei keine Lächerlichkeit ausgelassen wird, keine Peinlichkeit zu blöde ist. Im Gegenteil finden sie Aufnahme in die Heldengeschichte antifaschistischen Großtaten. Und dann wird halt gegen die vermeintlichen Erben von Adolf-Nazi getanzt, gegolft, musiziert oder gebacken.

Gleichzeitig werden alle Kommunikationskanäle rund um die Uhr mit den Glaubensgrundsätzen des Neuen Deutschlands bespielt; kein Tag ohne "Führer" und die Erinnerung daran, wer ihn mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod tagtäglich aufs Neue besiegt, nämlich die antifaschistischen Funktionseliten und ihre willigen Vollstrecker.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass die neuen Technologien den Herrschenden Möglichkeiten eröffnen, von denen der Namensgeber des Negativs vor einem Menschenalter noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Endlich ist jene schier unbezwingbar scheinende Barriere, die Öffentlichkeit von Privatheit trennte, die Haus- beziehungsweise Wohnungstür, überwunden. In der Folge hat die Ideologisierung des Alltags zugenommen. Von der Wiege bis zur Bahre, von der frühkindlichen Sexualerziehung bis zur klimaneutralen Beerdigung, ist das Politische privat und das Private politisch. Es ist dies aber der Schlachtruf aller totalitären Regime.

Mit Demokratie hat das alles nicht mehr allzu viel zu tun. Zu einer solchen gehören widerstreitende politische Programme und Ideen, die die Großströmungen im Land abbilden. Unangebracht sind dagegen kollektivistische Heilsbotschaften, die, verkündet aus dem niedrigen Himmel politischer Ersatzreligionen, zum Aufstand des einen, anständigen Teils der Bevölkerung gegen einen anderen, unanständigen aufrufen.

Doch das ficht den zeitgenössischen Antifaschismus nicht an. Er ist auf den Geschmack gekommen und legt nach. Das Netz staatlicher und vorstaatlicher Denunziationsinstanzen verdichtet sich, Millionen und Abermillionen Euro Steuergeld werden in Programme, Projekte und Vereine investiert, die sich vielleicht zivilcouragiert nennen, jedoch doch nichts anderes sind, als Sittenwächter auf Ketzerjagd. Weshalb die braune Bestie inzwischen überall lauert. Sogar der Werbespot einer Supermarktkette ist gespickt mit geheimnisvollen Botschaften, die die Installierung des Vierten Reiches vorbereiten.

Aber wer will es den herrschenden Eliten verübeln? Sie haben allen Grund fortzufahren mit ihrer Politik der Destruktion. Schließlich eröffnet sich ihnen durch die millionenfache illegale Einwanderung nun endlich die Chance, ihr lang ersehntes Ziel Wirklichkeit werden zu lassen: die "Verwässerung" und "Verdünnung" Deutschlands, auf das es "verrecke" und "nie wieder" sei. Was dann die angemessene antifaschistische Antwort auf die Schandtaten des Nationalsozialismus ist. Dass sie damit in denselben rassistisch eliminatorischen Kategorien denken wie ihre Ideengeber, fällt schon gar nicht mehr ins Gewicht. Es passt zu dem desaströsen Bild, das der zeitgenössische Antifaschismus abgibt.

Es bleibt zu hoffen, dass diejenigen, vor denen sich die Kanzlerin derart ekelt, dass sie sie noch nicht einmal benennen will, also die Deutschen, ganz gleich ob "Bio" oder nicht, einer weiteren Ausbreitung des Antifaschismus entgegenstehen. Das sich regende Unbehagen innerhalb der Bevölkerung gibt diesbezüglich Anlass zur Hoffnung. Man scheint bereit und willens, sich zur Wehr zu setzen, und wie die Vorgänge rund um die Seiten "Achgut.com" sowie "Tichys Einblick" zeigen: erfolgreich und mit demokratischen Mitteln. Vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät für Freiheit und Demokratie…

16. Januar 2017

   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat