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Texte zur Freiheit

 
 
 
 
 

Parviz Amoghli

"Schwatzwutz und die Grünen"
Wiedergelesen: George Orwell "Farm der Tiere"

Es wird nicht viele Bücher geben, die mehr gelesen, besprochen und bearbeitet wurden als George Orwells "Farm der Tiere". Seit ihrem Erscheinen 1945 haben sich Schüler und Studenten millionenfach daran versucht, die Allegorie auf die Geschichte des Sowjetkommunismus und die Herrschaft Stalins zu entschlüsseln, haben sich Scharen von Künstlern und Intellektuellen davon inspirieren sowie Kritiker und Warner alarmieren lassen.

Doch das Märchen ist mehr als die bloße Anklage gegen den roten Zaren und/oder die Sowjetherrschaft. Andernfalls hätte es mit dem Tod Stalins, spätestens aber mit dem Ende der UdSSR 1991/92 seine Relevanz verlieren müssen. Das aber ist nicht der Fall. Vielmehr hat Orwell mit seiner Fabel eine "tieftraurige Parabel über die Korrumpierbarkeit des Menschen" (Deutschlandfunk) vorgelegt, die als Mahnmal für die Unfähigkeit des modernen Menschen zum zivilisatorischen Fortschritt bis heute Gültigkeit besitzt.

So fällt dem zeitgenössischen bundesdeutschen Leser zunächst einmal die grüne Flagge ins Auge, unter der sich die Tiere der Farm nach der Vertreibung des Mr. Jones versammeln. Anfangs ist diese noch mit einem jeweils weißen Huf- und Hornabdruck in der Mitte versehen, was die Befreiung der Vierbeiner aus der Knechtschaft der Zweibeiner sowie die Hoffnung auf eine friedliche, gerechte und brüderliche Zukunft symbolisiert, in der alle Tiere gleich und solidarisch miteinander existieren. Kein Wunder also, dass das Emblem am Ende, als die neuen Zwingherrn nicht mehr von den alten zu unterscheiden sind, wieder verschwunden ist und lediglich eine plangrüne Flagge übrigbleibt.

Orwell konnte nicht ahnen, dass er damit ziemlich genau die Entwicklung der Grünen Bewegung seit ihrem Aufkommen im Nachgang von '68 beschreibt. Was einst als emanzipatorische Bewegung begann, hat sich inzwischen, vor allem seitdem sie um die Jahrtausendwende Besitz von der Republik ergriffen hat, in genau das verwandelt, gegen das man einst aufbegehrte: in eine elitäre Clique selbstgefälliger und Ressentiment geleiteter Spießer, die sich mit allen Mitteln der Demokratisierung der Gesellschaft in den Weg stellt.

Wobei die heutigen Machthaber hinsichtlich der Repression gegen Andersdenkende um einiges weiter sind als es ihr ehemaliges Feindbild, das konservative Nachkriegsdeutschland, je war. Staatlich alimentierte Gesinnungsschläger, die vergleichbar Napoleons hündischer Prätorianergarde immer dann zu Einsatz kommen, wenn sich Widerstand gegen den mittlerweile ergrünten Zeitgeist regt, gab es damals jedenfalls noch nicht.

Ebenfalls bekannt dürfte dem heutigen Zeitgenossen die von Schwatzwutz mehrfach wiederholte Behauptung vorkommen, wonach bei Nichtakzeptanz diverser, von Napoleon verfügter Maßnahmen durch die anderen Tiere zwangsläufig die Rückkehr des Mr. Jones bevorstehe. Das ist das schwerste Geschütz, das man innerhalb der Farmgesellschaft vorbringen kann, denn keine Angst ist größer als die vor dem Zweibeiner. Die angedrohte Restauration des menschlichen Schreckensregimentes stellt daher die diskursive Totschlagwaffe der Schweine gegen das Murren der Kühe, Pferde und Hühner dar. Dagegen gibt es kein Argument und keine Gegenrede, egal wie irrational und bizarr die schweinische Logik auch erscheinen mag. Das geht soweit, dass die übrigen Tiere tatenlos dabei zu sehen, wie sich unter ihren Augen die sukzessive Menschwerdung der Farmelite vollzieht.

Die Parallelen zum Gebaren der politischen und medialen Machthaber in der Berliner Republik sind unverkennbar. Die Anrufung des Bösen in Verbindung mit der Drohung von dessen Wiederkunft, gehört Mitte der 2010er Jahre zu den gängigen Instrumenten zeitgenössischer Machtausübung. Mit Hitler lässt sich alles verhindern und alles durchsetzen. Und weil das so ist, kommt immer irgendwann, in letzter Zeit eher früher als später, der "Führer" ins Spiel, und dann wird's für den führerlos Argumentierenden heikel. Schlagartig verwandelt sich ein Themengebiet in ein Minenfeld. Niemand will mit IHM in Verbindung gebracht werden. Doch das ist einfacher gesagt, als getan. Ein unbedachtes Wort, eine fehlgeschlagene Ironie, ja sogar das falsche Aufzeigen in der Berufsschule genügt, um sich der Hitlerei verdächtig zu machen und nicht kalkulierbare Folgen zu zeitigen. Also zieht man sich besser zurück, knickt grummelnd ein oder hält gleich ganz die Klappe, auf jeden Fall aber schaut man weiter dabei zu, wie Privilegien zugeschanzt, Freiheiten eingeschränkt, Rechte beschnitten und Gesetze nur mehr nach dem Gutdünken der Herrschenden exekutiert werden.

Was zu einer weiteren Analogie zwischen der "Farm der Tiere" und den bundesrepublikanischen Zuständen in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre führt: der fortschreitenden Erosion verfassungsrechtlicher Standards.

Der Kodex der Farm besteht aus insgesamt sieben Geboten. Es sind dies die mehr oder weniger heiligen Prinzipien des Animalismus, also jener Idee von der Befreiung der Tiere durch sich selbst, die Old Major gemeinsam mit den Schweinen vor der Revolution erarbeitet hat, und die nach der Vertreibung von Jones als Farmideologie installiert wird. Als solche regelt sie einerseits das Verhältnis der Tiere untereinander. So sind alle Vierbeiner und Wesen mit Flügeln Freunde, die sich gegenseitig verschonen und untereinander alle gleich sind. Andererseits besteht die Gebotssammlung aus schroffer Abgrenzung gegen alles Menschliche. Zweibeiner sind Feinde, weshalb es keinem Vierbeiner gestattet ist, Kleidung zu tragen, in einem Bett zu schlafen oder Alkohol zu trinken.

Allzu lange währen diese Grundsätze jedoch nicht. Dafür sind Napoleons unumschränkter Machtwille und Schwatzwutz propagandistisches Talent einfach zu groß. Und so wird ein Gebot nach dem anderen zuerst unter- dann ausgehöhlt und anschließend nach Maßgabe der Schweine angepasst. Als sich diese schlussendlich sicher sein können, dass jeder Widerstand innerhalb der Farmgesellschaft gebrochen ist, werden fast alle Gebote getilgt. Einzig jenes berühmte und viel zitierte "Alle Tiere sind gleich, doch manche Tiere sind gleicher als andere" verbleibt an der Scheunenwand, an der einst die Gebote der Farm geschrieben standen.

Soweit freilich ist es in der Berliner Republik noch nicht. Noch gibt es Instanzen, die dazu imstande sind, den Machtgelüsten der Herrschenden einen Riegel vorzuschieben und dies auch tun. Nichtsdestotrotz scheint sich die Aufweichung und Aushöhlung des Rechtsstaates zu beschleunigen. Verantwortlich dafür ist eine Politik, der es spätestens mit dem Beginn der Konkursverschleppung im Fall Griechenland, euphemistisch "Rettung" genannt, zur Gewohnheit geworden ist, einst verbindliche Rechts- oder Vertragstexte bestenfalls als Empfehlungen zu betrachten, sie aber ansonsten nicht weiter zu beachten. Das einzige was zählt, ist das freundliche Gesicht der Kanzlerin beziehungsweise der moralische Imperativ des Gewölks.

Diese, von den bundesrepublikanischen Eliten forcierte Politik der Nichtbeachtung von Recht und Gesetz findet ihre Entsprechung in einem Alltag, in dem unter den Augen der Machthaber innerstädtische No Go Areas genauso zur Gewohnheit geworden sind wie Verkehrskontrollen, die mit dem Einsatz einer Einsatzhundertschaft enden, oder Aktionen, mit denen rechtmäßig verfügte Abschiebungen von Schwerverbrechern verhindert werden. Hinzu kommt eine Justiz, für die noch nicht einmal ein Dutzend Vorstrafen ausreichend Gründe zu sein scheinen, einen wiederholt verurteilten Gewalttäter die volle Härte des Gesetzes spüren zu lassen. Lieber gibt man das Strafgesetzbuch der Lächerlichkeit preis und verhöhnt Geschädigte und Polizei, als dass man sich der Sozialprognose von Gutachtern verweigert, deren vornehmste Aufgabe darin zu bestehen scheint, Täter kultursensibel in Opfer zu verkehren.

Es sieht im Moment nicht danach aus, als könnte dieser Demontage des Rechtsstaates in naher Zukunft Einhalt geboten werden. Eher steht zu befürchten, dass sie an Dynamik gewinnen wird. Wer soll das Gewölk denn auch aufhalten? Das Volk? Vielleicht in einem Akt der revolutionärer Befreiung?

Laut Orwell, ist davon abzuraten. Ihm nach sind auch die edelsten Absichten nicht davor gefeit, sich eine Diktatur, in eine Tyrannei zu verwandeln. Die soziale Revolution taugt daher nicht zum zivilisatorischen Fortschritt.

Was also ist zu tun? Die "Farm der Tiere" liefert darauf keine Antwort. Das braucht sie auch nicht. Es ist nicht ihre Aufgabe. Stattdessen reicht es, wenn man sich ihrer besinnt und sie damit der Stachel im Fleisch der Macht bleibt. Damit wäre schon viel gewonnen. Den Rest müssen wir Zeitgenossen erledigen.

20. Februar 2017

   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat