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Texte zur Freiheit

 
 
 
 
 

Parviz Amoghli

Der Anstand der Aufständischen

Der "Aufstand der Anständigen" gehört bekanntlich zu den legitimatorischen Grundlagen der Berliner Republik. Ausgerufen wurde er am 04. Oktober 2000 durch den ersten Kanzler des Neuen Deutschlands, Gerhard Schröder, anlässlich eines Brandanschlags auf die Düsseldorfer Synagoge zwei Tage zuvor.

Zwar lagen zu diesem Zeitpunkt keinerlei polizeilichen oder staatsanwaltlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Täter vor – zwei palästinensische Jugendliche, wie sich später herausstellte –, doch das kümmerte den Regierungschef nicht weiter. Dieser nutzte vielmehr die Gunst der Stunde und verkündete im Anschluss an eine Tatortbegehung: "Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen, wegschauen ist nicht mehr erlaubt." Damit war der Startschuss gefallen. Seither ist der Anstand als politische Kategorie wieder zurückgekehrt und die Ausmerzung des Unanständigen zum Daseinszweck der Berliner Republik avanciert.

Wobei das, was heute als `anständig´ gilt, nichts mit dem zu tun hat, was noch vor der Berliner Republik darunter verstanden wurde. Es ist sogar das genaue Gegenteil davon. Was einmal als individuelles, vielleicht auch familiäres Sozialverhalten daherkam, als "gutes Benehmen", über das man verfügte oder nicht und dessen Fehlen erst beim Verstoß gegen gesellschaftliche Normen auffiel, das definiert sich heute "über die exhibitiv und narzisstisch inszenierten Werte des Hinschauens, Gesichtzeigens, Intervenierens. Das richtet sich immer noch auf die…Wiederkehr des Unsäglichen." (TAZ)

Die Kluft zwischen neuem und altem Anstand kommt freilich nicht von ungefähr. Immerhin gehört es zum Markenkern der Berliner Republik, sich in jeder Hinsicht von der `Wohlanständigkeit´ der Bonner Vorgängerrepublik abzusetzen. Wogegen es zunächst einmal nichts einzuwenden gibt. Erst recht nicht mit Blick auf den Saumagen-Provinzialismus der späten Kohljahre. Das wiedervereinigte und von nun an der Welt zugewandte Deutschland verlangte nach Neuem, auch was den Anstand anbetraf.

Doch, was dann 1998, neun Jahre nach dem Mauerfall, mit der Ausrufung der Berliner Republik folgte, war kein Schritt in die Zukunft, sondern eher der Rückfall ins Vor-Totalitäre. Statt die Weiterentwicklung des Anstands im Sinne der Demokratie dort zu belassen, wo er bis dahin angesiedelt war, nämlich im Hintergrund, und ihn ansonsten ganz dem zivilisatorischen Fortschritt zu überlassen, setzt die Berliner Republik auf die aggressive Durchsetzung neuer Anstandsregeln von oben. Und dazu gehört es nun einmal, auch noch die letzten Reste des verhassten Alten zu tilgen, egal wann, egal wo. Daher verwundert es nicht, wenn sich mittlerweile selbst an sich unpolitische Publikationen wie beispielsweise Apothekenzeitungen in den Dienst der guten Sache stellen, und ihren Lesern empfehlen, ordentlichen, höflichen und unauffälligen Kindern nur mit größtem Misstrauen zu begegnen. Denn was müssen das für Eltern sein, die ihren Nachwuchs so erziehen? Das können doch nur Nazis sein. An ihren Zöpfen sollt ihr sie erkennen, die unanständige Brut!

Das wirft die natürlich Frage auf, wie es eigentlich um den Anstand der Aufständischen selbst bestellt ist? Und zwar aus der Sicht des schlichten, völlig unpolitischen und unideologischen guten Benehmens?

Um diese Frage zu beantworten, reicht es, sich die Ereignisse im Nachgang des Terroranschlags in Berlin in Erinnerung zu rufen.

Bis zum 19. Dezember 2016 war man ja schon einiges an Unanständigkeiten seitens der Anständigen gewohnt gewesen. Da wurden in Talkshows die Erlebnisse von Polizisten und Gewaltopfern zerredet und verhöhnt, es wurde von Armlängen gefaselt, von Provokateuren, die nicht ganz unschuldig an ihrer Ermordung waren und natürlich besuchte, außer der Präsidentin des Bayrischen Landtags, Barbara Stamm, kein ranghoher Vertreter der Berliner Republik die Verletzten des Terroranschlags von Würzburg am Krankenbett. Derartiges verbietet ganz offensichtlich der Anstand der regierungsamtlichen Aufständischen, selbst wenn es sich bei den Attentatsopfern um harmlose Touristen aus Hongkong handelt. Statt diesen Mitgefühl entgegenzubringen oder sich bei ihnen zumindest für das Erlittene zu entschuldigen, ereiferte man sich lieber über das Schicksal des Attentäters und bemühte sich darum, in dessen Erschießung einen Akt unangemessener Polizeigewalt zu wittern.

Wer damals dachte, damit wäre der Tiefpunkt schlechten Benehmens erreicht, wurde allerdings schon bald eines besseren belehrt. Denn die Todesfahrt des Anis Amri offenbarte nicht nur ein vollkommenes Behörden- wenn nicht gar Staatsversagen, hinzu kam und kommt ein Abgrund an Anstandslosigkeit, wie er selbst in der noch jungen Geschichte der Berliner Republik wohl einmalig sein dürfte.

Damit sind nicht die üblichen Beschwichtigungen, Kleinredereien und Relativierungen seitens des anständigen Juste milieu gemeint. Solcherlei Verlautbarungen sind ja nichts Neues, bloß die hinlänglich bekannten Versuche zur Schuldumkehr. Im Deutschland der 2010er Jahren ist ein Täter niemals Täter, jedenfalls wenn der Hintergrund stimmt, sondern immer nur Opfer der rassistischen Umstände und ihre Taten daher nur so etwas wie Hilferufe beziehungsweise Notwehrhandlungen gegen alltägliche Diskriminierungen. An solche Unanständigkeiten ist man inzwischen gewöhnt.

Gemeint ist ebenfalls nicht die gespenstische Gleichgültigkeit, mit der die veröffentlichte Meinung diesem offensichtlichen Angriff auf die Bundesrepublik begegnete. Als wäre der alte Sponti-Spruch: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…" Wirklichkeit geworden, war und ist es das größte Bestreben der Anständigen, die Kriegserklärung zu ignorieren und zur Normalität ihres Aufstands zurückzukehren. Also Jagd zu machen auf Hitler-Sprache, Hitler-Zitate und Hitler-Gedanken. Auch das war als Reaktion auf einen islamistischen Angriff zu erwarten gewesen.

Was aber neu war, das war die Anstandslosigkeit, mit der die Anschlagsopfer und deren Angehörige nach dem 19. Dezember seitens der Aufständischen bedacht worden sind.

So brauchte die Berliner Stadtregierung ganze zwei Monate um den Verletzten und Hinterbliebenen schriftlich zu kondolieren. Zwei Monate! Die Rechnungen für die Leichenschauen gingen dagegen schon drei Tage nach dem Anschlag, am 22. Dezember, raus. 51,- € sollten die Trauernden bezahlen, und zwar fristgerecht, ansonsten würde ein Inkassobüro für die Eintreibung sorgen. Dazu passt, dass Verletzten und Hinterbliebenen der Zugang zum Trauergottesdienst der Anständigen wenige Tage nach dem Attentat verweigert wurde, weil zu viel Politprominenz anwesend war. Oder, dass Angehörige immer wieder darüber klagen, von den Verantwortlichen wie lästige Bittsteller behandelt worden zu sein, die man in ihrer Verzweiflung allein ließ.

Besonders schäbig aber ist der Umgang mit den Toten. Nicht nur, dass während man sich in den Ländern, aus denen ein Teil der Toten stammte, um ein würdiges Gedenken bemühte, in der Berliner Republik die Weihnachtspause des Parlaments wichtiger war. Darüber hinaus verfügen die Anschlagsopfer, anders als ihr Mörder, in der Öffentlichkeit über keine Namen und keine Gesichter. Sie sind bloß ein Dutzend anonymer Kadaver. Es scheint, als wollte man unter allen Umständen vermeiden, dass die Toten als echte Menschen aus Fleisch und Blut wahrgenommen werden, als Menschen mit einer Familie, Freunden und einem Leben aus dem sie von Amri herausgerissen wurden. Ihnen werden sicherlich niemals Straßen und Plätze gewidmet werden, soviel ist wohl klar. Aber vielleicht steht ihnen so etwas nach Ansicht der anständigen Aufständischen auch gar nicht zu, schließlich haben die Opfer mit ihrem Tod nur der AfD und den Rechtspopulisten in die Hände gespielt.

Dass sich die Regierung und Parlament schließlich doch noch herabließen, der Opfer vom Breitscheidplatz in kleinem und bescheidenem Rahmen zu gedenken – mehr war einfach nicht drin – ist freilich nicht deren Einsicht zu verdanken. Es ist vielmehr das Ergebnis des medialen Drucks einer Gegenöffentlichkeit, die sich wie so viele andere Gegenöffentlichkeiten vor ihr zunächst im Netz formierte, es dann aber schaffte in die Filterblase des Aufstands vorzudringen. Daran nicht ganz unschuldig mag ein Video des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt gewesen sein, der sich im Lichte der Entführung von Hanns Martin Schleyer via Fernsehen ans Volk wandte. Schmidt bringt dabei all das zum Ausdruck gegen das die Aufständischen seit nun fast zwei Jahrzehnten zu Felde ziehen. Neben dem unbedingten Willen zur Verteidigung der Republik unter Ausnutzung aller rechtsstaatlich gegebener Mittel, sind es vor allem jene verhasste Haltung und Anständigkeit aus der Zeit vor der Berliner Republik, die bei Schmidt imponieren.

Die weite Verbreitung der Ansprache ist genauso wie die erst auf öffentlichen Druck zustande gekommene Gedenkstunde im Bundestag ein gutes Zeichen. Zeigt es doch, dass sich innerhalb derer, "die schon länger hier leben", ein Verständnis von Anständigkeit erhalten hat, das dem Anstand der Aufständischen zu trotzen gewillt und nicht länger bereit ist, die grassierende Unanständigkeit der Anständigen weiter hinzunehmen.

So könnte, aber dies ist bloß eine vage Hoffnung, das Attentat doch noch eine positive Folge haben. Nämlich jene, dass die Terrorfahrt des Anis Amri den Anfang vom Ende des "Aufstand der Anständigen" markiert. Im Sinne von Demokratie und Freiheit wäre dies nur zu wünschen!

13. März 2017

   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat