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Texte zur Freiheit

 
 
 
 
 

Parviz Amoghli

Kopf hoch, ihr Demokraten

Wenige Monate vor der Wahl zum Deutschen Bundestag befinden sich die Eliten der Berliner Republik in einem Zustand panikartiger Verzweiflung. AfD ante portas!

Doch all denen, die im Augenblick so erschüttert auf den blauen Balken in den Meinungsumfragen starren, sei zugerufen: Keine Angst, ihr Verteidiger des freien Wortes, der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag bietet euch mehr Chancen, als ihr jetzt vielleicht erkennen könnt.

Überlegt doch mal, was ein Ergebnis von, sagen wir, zehn Prozent alternative Stimmen für euch bedeutet. Egal, wofür die AfD eintritt, ihr seid dagegen. Und das mit rund neunzigprozentiger Mehrheit! Das ist Konsensdemokratie vom Feinsten. Endlich hat der Parteienhader, der die Deutschen schon immer gestört hat, ein Ende. Was unter der "Mutter aller Gläubigen" schon lange zusammengehört, wird mit dem Einzug der AfD in den Bundestag endgültig zusammenwachsen: Rot und Schwarz und Grün und Gelb und Dunkelrot.

Gut, die Farbe, die dabei herauskommt, wahrscheinlich ein rotstichiges Braun, ist nicht so das Wahre. Aber was bedeuten schon Farben in der Politik? Viel wichtiger ist, dass die neunzig Prozent Koalition der parlamentarischen Widerstandskämpfer – jeder einzelne ein kleiner Stauffenberg – problemlos und nach Belieben das Grundgesetz ändern könnte. Sie könnte beispielsweise endlich dem Islam Verfassungsrang verschaffen. Wer wollte dagegen opponieren? Es hieße sich in ein Boot mit der AfD zu setzen.

Flankierend dazu, könnten eure Gelehrten eine bislang verschwiegene Vergangenheit entdecken und damit beweisen, wie wenig christlich das Abendland doch ist. Von der Medizin über die Philosophie bis hin zum technologischen und zivilisatorischen Fortschritt, von der Emanzipation der Frau über das Ende des Naziregimes sowie der Befreiung der Konzentrationslager bis hin zu den Fußballweltmeisterschaften von 1954 und 1974 könnt ihr die Geschichte im Sinne Allahs neu schreiben. Wer sich diesem Narrativ dann verweigert und beispielsweise weiterhin darauf besteht, dass Trümmerfrauen und nicht Moscheegemeinden das zerstörte Land nach 1945 vom Schutt befreiten, ist der AfD Nähe überführt, kann aus dem zugelassenen Diskursraum entsorgt und zum Abschuss freigegeben werden. Aber wie das geht, wisst ihr selbst am besten, das muss man euch nicht erklären, Stichwort Genderdebatte.

Außerdem könntet ihr, liebe toleranten Weltbürger, nach dem Einzug der AfD in den Bundestag auch die Politik der Entgrenzung besser als zuvor nach euren Vorstellungen vorantreiben. Fährdienste übers Mittelmeer wären genauso vorstellbar wie ein Willkommensgeld oder eine Einwanderungsprämie für muslimische Jungmänner ohne Ausweispapiere. Auf jeden Fall aber könntet ihr namens eurer moralischen Imperative alle Beschränkungen hinsichtlich des Familiennachzugs schnell und unbürokratisch abschaffen. Weil, alles andere wäre AfD, wäre also Hitler.

Apropos Hitler: denkt mal ans Strafrecht und daran, welche Perspektiven sich da für euch auftun. Einer Änderung des Mordparagraphen dürfte nun nichts mehr im Wege stehen. Damit würde dann auch endlich jenen Opfern gesellschaftlicher Rassismen Gerechtigkeit zuteil, die quasi nur aus Notwehr handelten, da sie sich religiös oder in ihrer Ehre derart beleidigt gefühlt haben, dass sie gar nicht anders konnten, als das zu tun, was sie getan haben. Hätte der oder die Erlebende tödlicher Gewalt genügend Respekt gezeigt, Allah genug Demut entgegengebracht oder darauf verzichtet, als Frau einen eigenen westlichen Weg gehen zu wollen, wäre schließlich nichts passiert. Diese Mitschuld der so genannten Opfer wird ja bislang viel zu sehr außer Acht gelassen. Mit dem 24.September könnte sich dies ebenfalls ändern.

Na, wie klingt das für euch, liebe Berliner Republikaner? Nicht schlecht, oder? Und das Beste ist, das muss kein Wunschtraum bleiben, die Koalition der Demokraten könnte es möglich machen.

22. Mai 2017

   

Parviz Amoghli

Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren und kam 1974 in die Bundesrepublik.

Er ist Preisträger beim Literaturwettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen", Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften und gehört zum Autorenstamm von "TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung". Derzeit arbeitet er an der Realisierung des Filmprojekts "Der Graben", zu dem er das Drehbuch mitverfasst hat