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Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

337 Prozent zu warm!
Statistik und gepflegte Gruselstimmung

Schneekanonen funktionieren nicht mehr. Sonnenbaden im T-Shirt im Wiener Burggarten – die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung der Tageszeitung "Österreich" und des Wetter-Portals "wetter.at" vom 7. Februar über den "wärmsten Winter aller Zeiten". Ein Klimaexperte erklärte, jedes Kind wisse, dass der Ausstoß von Treibhausgasen daran schuld sei. Und die Journalisten hatten eine innovative Idee, die Erwärmung zu messen. Nicht in Celsius, sondern in Prozent: Im Jänner 337 Prozent zu warm!

Wie fühlen sich 337 Prozent wärmer an? wetter.at berichtete, dass die übliche Durchschnittstemperatur in Wien im Jänner (deutsch: Januar) 0,8 Grad Celsius sei, während sie in diesem Jahr bei 3,5 Grad lag. Das ist ein Anstieg um 2,7 Grad. Aber auch um 337 Prozent – was dramatischer klingt. Dazu muss man nur 2,7 durch 0,8 teilen.

Beschreibt man Veränderungen (egal, ob Anstiege oder Abfälle) in relativen statt absoluten Zahlen, so kann man damit rechnen, dass mehr Menschen beeindruckt sind. Dies haben wir wiederholt veranschaulicht, zuletzt anlässlich der Wursthysterie ("18% höheres Darmkrebsrisiko"). Aber ein relativer Anstieg ist immer relativ zum Ausgangspunkt. Wenn man in Wien nicht mit Celsius, sondern mit Fahrenheit rechnen würde, wären relative Angaben weniger beeindruckend: Der Anstieg entspräche dem von 33,4 auf 38,3 Grad Fahrenheit, also einem absoluten Unterschied von 4,9 Grad. Das ergibt aber nur noch 15 Prozent wärmer. In Vienna (Ohio, USA) – ja, diesen Ort gibt es – würde also der Trick mit den 337 Prozent nicht glücken…

Laut dem befragten Klimaexperten wird es in Zukunft mit Sicherheit noch viel wärmer werden. Also können wir im Januar nächsten Jahres vielleicht auf 500 Prozent mehr Wärme hoffen und das T-Shirt hundertprozentig durch Bikini und Badehose ersetzen.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Essen
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

22. Februar 2016